Gebrauchsskulpturen

 

Künstler erschaffen Skulpturen aus Stein, Metall, aus Holz. Aber auch der Alltag macht aus Dingen zuweilen Skulpturen, wenn aus der benutzten Form Schönheit entsteht. Gebrauchsskulpturen sind nicht einfach nur nützliche Dinge. Nicht nur formen wir sie, sie formen auch uns.

Hier werden künftig Bilder von solchen Dingen erscheinen zusammen mit meinen Gedanken dazu.

 

Münze

 

 

 

Münzen gab es, lange bevor man dem Papiergeld vertraute, sie waren so viel wert wie das, was man mit ihnen bezahlt hat. Meist aus Silber, selten aus Gold, oft aus Kupfer, hinein gestanzt die Bilder von Göttern und Souveränen, der Gehalt an Edelmetall ständiger Gegenstand des Misstrauens. Einmal geprägt, kamen sie auf den Markt, sie fingen das Wandern an von Hand zu Hand, hinein in Beutel, Satteltaschen, Kisten, Kästchen und an geheime Orte. Münzen sind noch heute bei fast allem dabei, was Menschen tun und bei dem, was man kaufen kann, und das ist nicht wenig.

 

Dreck, Sand, Wasser, Finger, Schweiß, vielleicht auch Blut oder Tränen haben ihre Spuren an ihnen hinterlassen, über hunderte, im Fall der griechischen Drachme auf dem Bild auch einmal über tausende von Jahren. So eine Münze ist „abgenutzt“, prosaisch ausgedrückt.

 

Man könnte aber auch sagen, sie ist aufgeladen von dem, was mit ihnen getan wurde und gleichzeitig nützt sich der Wert, den sie besitzt, durch alle Ereignisse hindurch nicht ab. Das ist das ebenso Faszinierende wie Gefährliche an einer Münze. Im Unterschied zu dem, was in tausend Jahren aus Freundschaft, aus Liebe, aus Fürsorge getan wurde und wobei sie durchaus eine Rolle gespielt haben mag, behält sie ihren Wert. Da hat einst jemand genommen oder gegeben und sich bedankt oder auch nicht, es wurde gestohlen, betrogen und vertraut - was sich zwischen den längst Gestorbenen ereignet hat, ist aufgegangen im Kreis aus Geben und Nehmen, die Schuld vergessen. Das wirklich Wichtige lässt sich nicht aufheben, es ist unbezahlbar und löst sich auf, wird erlöst im Strom der Zeit. Die Münze aber wandert weiter, beladen mit ihrem Wert, unberührt von allem Menschlichen. Oder doch nicht? Mit den Jahrtausenden scheint eine solche Münze auf unheimliche Art davon zu wissen. Das jedenfalls sagt mir das düstere Antlitz des Herkules auf der alten Münze von der Insel Kos aus dem vierten Jahrhundert vor Christi Geburt.

 

12.2.2017

 

 

Bleistift

 

Weshalb ein Bleistift eine Skulptur sein kann? Ich kann nur sagen, dass die Bleistifte, die mein Onkel B. einst im Büro meines Vaters mit einer ausgemusterten Rasierklinge hauchfein angespitzt hat, zweifellos Skulpturen gewesen sind. Als kindlicher Gast im Büro und Gesellschafter meines Onkels habe ich sie bewundert. Vor allem ihre nadelfeine und von allen Seiten makellos ausgearbeitete Spitze, die, während der Bleistift kürzer wurde, immer wieder neu entstehen konnte. Später, als ich neugieriger geworden war, habe ich im grauen Arbeitskittel des Onkels kleine Zettel mit Romanvorlagen gefunden. Nahezu unleserlich, der Text zwischen Schreibschrift und Stenografie hin und her streifend, der Inhalt mit allem Eifer des Entdeckers leider nicht in einen verstehbaren Zusammenhang zu bringen. Geschrieben natürlich mit dem nämlichen, gut gespitzten Bleistift, mit dem sonst draußen im Holzlager Länge, Breite und Dicke von Kiefernbrettern in Tabellen notiert werden mussten. Und mit dem sein Besitzer zuweilen, wenn er die Zeit totschlagen musste – was oft der Fall gewesen sein muss, auf anderen Zetteln auch seltsame Zeichnungen anfertigte, die ich ebenfalls in seiner Abwesenheit in Ruhe begutachten konnte. Es handelte sich meiner Meinung nach um Pläne von dreidimensionalen Gebilden, die mich an Bauwerke erinnerten, Entwürfe einer zukünftigen Stadt vielleicht, einer Poetenrepublik, wo man sein Dasein sorglos fristen und die Zeit totschlagen durfte. Mit einem gut gespitzten Bleistift in der Hand.

 

Ein Bleistift sagt viel über seinen Benutzer. Das Ende zerbissen und sorgenvoll abgekaut. Stumpf geworden, die Mine heruntergeschrieben, ohne je neu nachgespitzt zu werden. Sorgsam auf den letzten Zentimeter zurückgespitzt, verlängert mit einem metallenen Halter. Hinter dem Ohr des Tischlers verwahrt, flach angeschärft für den genauen Anriss. Vom stumpfen Spitzer des Schülers malträtiertes Hassobjekt, dem nie eine Spitze vergönnt war. Von der immer gleichen Marke, neben dem Manuskript des Poeten liegend, dem ohne ihn nichts einfällt. Oder eben nadelscharf angespitzt von der Rasierklinge meines Onkels zu einem ebenmäßigen Projektil, das auf den Abschuss in eine seltsame Anderwelt wartet.

Der eigene Bleistift kann nichts anderes sein als eine persönliche Skulptur. Er wäre zu allem fähig, aber er nimmt immer die Züge seines Besitzers an, sein Können gerade so wie seinen Dilettantismus. Sein Charme besteht indessen nicht nur darin, dass er immer präsent ist - er benötigt ja nichts außer sich selbst, sondern - und das ist das beste an ihm: Er verschwindet allmählich, während er so ganz Bleistift ist, und setzt damit ein gegenläufiges Zeichen zur Illusion der mit ihm verrichteten Arbeit, die oft meint, etwas Bleibendes erzeugt zu haben. Was am Ende bezweifelt werden muss, weil so vieles den Weg geht, den auch der Bleistift gegangen ist.

 

12.1.2017

 

 

Smartphone

 

 

 

In diesem Jahr können die Erfinder des Smartphones den zehnten Jahrestag seines Erscheinens feiern: Zur Design-Ikone geworden und nach seinem Erscheinen vielfach nachgeahmt. Wo einst noch Tasten, Hebel waren, konnte man zumindest ahnen, was damit bewegt werden sollte. Am Touchscreen begegnen sich Körper und Maschine in unmittelbarer Intimität. Der flache Quader ist ein Spielzeug zum Anfassen, dessen magische Komplexität in ein Versprechen von Einfachheit verpackt worden ist. Man kann damit etwas in Bewegung setzen, was nicht Halt macht bei dem Gerät selbst, sondern in Sekunden um die ganze Welt reicht, man kann Teil haben an einem großen Geschehen, dem wimmelnden Ameisenhaufen des Konsums und der Kommunikation. Dass das Spielzeug mehr kann und weiter reicht, als man weiß und versteht, ist ihm einem gar nicht unrecht, weil die Magie damit noch grenzenloser wird.

 

Mit dem Erreichen der puren Oberfläche dreht sich um, wer wen beherrscht. Wer ist smarter? Der Benutzer oder das, von dem er glaubt, dass es ihm dient? Das smarte Ding verspricht alles für alle, die seine glatte Fläche berühren dürfen. Das Leben ist kaum mehr vorstellbar ohne Menschen, die auf die Bildschirme ihrer Smartphones schauen, eintauchen unter die Oberfläche, die sie vor jeder sozialen Herausforderung zu schützen scheint wie eine Tarnkappe. Das Smartphone liegt nebem dem Teller auf dem Eßtisch, es ist ausgelagertes Gedächtnis, soziales Netz, Kamera, Konsumportal, Beobachter, Datenlücke und noch vieles mehr.

 

Eine kleine Revolte dagegen ist ja vielleicht die „Spider-App“, die viele Smartphones - auch das auf diesem Bild, verziert. Abgesehen davon, dass die Reparatur teuer ist, könnte das Splittermuster die magische Oberfläche, unter der nichts zufällig ist, mit dem hilflosen Gegenzauber des zufälligen Bruchs zu bannen suchen.

 

Wäre es so, wäre es vergeblich, denn das Smartphone beobachtet mich, folgt mir, archiviert, was ich tue, bietet Unbekannten Zutritt für unkontrollierbare Machenschaften. Aber die Paranioa, die mich ankommen will, lässt sich wieder verdrängen durch die Optionen, die mir buchstäblich in Hand gegeben werden.

 

Nichts ist so tief wie die Oberfläche, nichts so oberflächlich wie das, was alle teilen.

 

7.2.2017