Der Bock als Gärtner

(4.12.2017)

 

Weshalb schließen sich gerade diejenigen Populisten an, die eigentlich ihre Opfer sind? Die Mehrzahl autokratischer Idole wie Donald Trump, Erdogan, oder Putins Cliquen zählt zu den Profiteuren der Globalisierung, sie entziehen zusätzlich im großen Stil ihren Ländern Steuern. Man kann daher kaum annehmen, dass sie als Politiker echte Solidarität mit den Minenarbeitern, Bauern oder Kleinunternehmern aufbringen, die sie wählen.

 

Der deutschen Bundesregierung entgehen jährlich 17 Milliarden Euro an Steueraufkommen (Süddeutsche Zeitung 11/2017). Die Empörung darüber hält sich sehr in Grenzen. Statt dessen scheint der Reichtum der Eliten und ihre Egomanie eher Neid oder gar Bewunderung zu erwecken. Weshalb lassen wir es zu, dass die Böcke im Gemüsegarten tanzen - schlimmer als die Elefanten im Porzellanladen - und machen sie auch noch zu unseren Gärtnern? Eine vernünftige Erklärung dafür gibt es nicht. Soziales Denken und Handeln ist aber nicht nur rational, es unterliegt auch anderen Einflüssen.

 

Ich möchte eine Überlegung dazu ausführen, die auf einem Paradox beruht, auf dem Widerspruch zwischen Vernunft und Spiel. Es handelt es sich eines der interessanten Paradoxe, deren widersprüchliche Anteile sich wechselseitig verdecken und damit für Verwirrung sorgen: Man sieht immer mal die eine oder die andere Seite, aber kaum einmal beide.

 

Vernunft dient einem Zweck. Spiel dagegen folgt keinem Zweck, eben weil es nicht „vernünftig“ zu sein braucht, es folgt einem Reiz, zum Beispiel dem Vergnügen oder dem Ehrgeiz. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als könne man entweder vernünftig handeln oder spielen, aber nicht beides. Indessen würde niemand etwas Vernünftiges tun - also zum Beispiel arbeiten - wenn „vernünftige“ Tätigkeiten nicht auch ein Spiel wären. So ist man nicht nur deswegen leistungsbereit, weil das vernünftig wäre, sondern weil es einen Reiz besitzt, leistungsfähig zu sein. Und andersherum würde niemand auf Dauer spielen, wenn Spiel nicht auch Anteile von Arbeit enthielte, also zum Beispiel solche der Produktion von ökonomischem Wert. Eingefleischte Fußballfans müssen ja ständig die Tatsache ausblenden, dass dieser Sport ein Riesengeschäft ist, an dem sich zusätzlich viele Betrüger bereichern. In ihren Augen muss Fussball vor allem ein Spiel bleiben, koste es was es wolle.

 

Das Spannende ist, dass beide Formen, Vernunft und Spiel, sich gegenseitig ablösen und verdecken. Es scheint jeweils eine Form bewusst und die andere unbewusst abzulaufen.

 

 

 

Vernunft als Zweckdenken - dazu gehört auch das politische Handeln - ist in der Moderne wesentlich Teil der Ökonomie. Letztlich dient Politik ja der vernünftigen Regelung von Produktion und der Verteilung von Gütern. Vernunft ist damit ein vorrangig ökonomischer Modus. Es fehlt ihr immer an Zeit, weil die Produktion keinen Aufschub duldet und weil das Geld - mit ihm die Geschäfte - inzwischen schneller als alles andere geworden ist. Im politischen Gemüsegarten ist man längst zum Intensivanbau der Spekulationen übergegangen, die Ernte der Werte und damit auch die Vernunft kommt den Spekulationen längst nicht mehr hinterher und damit dreht sich die Produktion bereits in den Bereich der Wette, die ein Spiel ist.

 

Spiel ist ein symbolischer Modus, bei dem nichts produziert wird. Der Ball geht hin und her, die Kugel rotiert, es kommt darauf an, wer gewinnt. Es ist auch immer genug Zeit da für ein Spiel, weil die Zeit hier im Kreis zu laufen scheint. Wie lange ein Spiel dauert ist unwesentlich, es bleibt immer dasselbe Spiel, so lange die Regeln gelten. Beendet man ein Spiel, geht man bloß in eine Pause: „Vor dem Spiel ist nach dem Spiel“.

 

 

 

Populisten oder Autokraten werden vor allem deshalb gewählt, weil sie es verstehen, als „Player“ aufzutreten. Dazu gehört auch ihr spektakulärer Reichtum. Er ist Zeichen für das, was sie „auf der Hand haben“, wie ein Kartenspieler ein gutes Blatt. Als „Player“ operieren sie in einem symbolischen Modus, obgleich sie vorgeben, politisch - also vernünftig - zu handeln. Sie versprechen denen, die zu ihnen halten, vor allem den Verlierern, irgendeinen Vorteil im Spiel, also Jobs, wie Trump, oder nationale Größe wie Putin oder Erdogan. Solche Versprechen wirken sogar dann, wenn sie lediglich Herausforderung sind oder bleiben, ohne dass fassbare Vorteile von der populistischen Agenda zu verzeichnen wären. Zeit spielt keine große Rolle dabei. Das populistische Spiel beginnt jeden Tag aufs Neue. Allein die Stärke wirkt, mit der immer wieder neu die Herausforderung an eine imaginierte Gegenpartei, zum Beispiel das „Establishment“ oder der „Rest der Welt“, inszeniert wird.

 

Viele Wähler Donald Trumps seine täglichen Twitter-Posts mit Begeisterung, nicht weil sie etwa Sinn enthalten oder zielführend wären, sondern weil sie so unverschämt sind. Da redet endlich einmal jemand zur Welt, wie er will, einer, der sich von niemandem einschüchtern lässt.

 

Dass die Macht Trumps durch sein Geldvermögen bedingt ist und direkt Teil einer sozial ausbeuterischen Taktik, die Anteil daran hat, dass seine Unterstützer arm und bedeutungslos bleiben, stört seine Anhängerschaft nicht, diese „vernünftige“ Tatsache wird ausgeblendet. Sie sind die Gefolgschaft eines großen Spielers, nicht anders als Fußballfans, die am Ruhm ihrer Mannschaft teilhaben wollen. Trumps Ausbeutertum stört sie so wenig wie die fähnchenschwenkenden Anhänger Erdogans sein Weg zur Diktatur stört, mit dem er den Westen provoziert. Er lässt ein altes Ressentiment der Türken gegenüber dem Westen laut werden und tut, als gehe es hier um „Ehre“ oder „Frömmigkeit“. In Russland stören sich viele nicht an den Lügen Putins, weil er glauben macht, er könne das prekäre Russland mit Drohungen und Gewalt wieder groß und respektabel machen und alles taugt dafür, selbst die Glorifizierung Stalins.

 

 

 

Player können einfachen Zeichensysteme verwenden, weil sie im verborgenen Modus des Spiels operieren. Gleichzeitig propagieren sie Vernunft, um ihre Symbolik ins Rationale zu dekodieren oder andere übernehmen das für sie, weil sie selbst intellektuell gar nicht dazu in der Lage wären, wie etwa Trump. Viele Aktionen von Populisten haben nichts weiter zum Ziel, als jeden Tag Schlagzeilen zu produzieren, egal welchen Inhalts. Widersprüche sind „Fake News“ oder „westliche Propaganda“, Gegner sind Terroristen oder Verschwörer. Gehört man zu denen, die nicht vom Erfolg betrunken sind, ist man etwa ein kritischer Journalist, wird „Loyalität“ gefordert, was nichts anderes bedeutet als Kritiklosigkeit und Unterwerfung. Kontrollorgane wie Presse oder rechtsstaatliche Institutionen werden diffamiert und gleichgeschaltet. Sie stören die große Idee, sie stören das große Spiel, die pseudorationalen Erklärungen dafür sind primitivster Natur, man nimmt schon einmal vorsorglich Geiseln, wie Erdogan, um sie bei Bedarf verwenden zu können, ganz nach der Manier Krimineller. Die Vereinfachungen sind deshalb so erfolgreich, weil Symbolik beliebig zu Inhalten stilisiert werden kann und sie gelingt so lange, wie die Wirkung stark genug ist.

 

 

 

Die Vermischung der beiden Ebenen macht den Widerspruch schwer durchschaubar beziehungsweise verleiht sie ihm die Aura des Unumgänglichen, als gehe es nicht anders, als sei die Welt eben so, aber das ist eine Welt im Schuhkarton – es geht immer auch anders. Dieselbe Vermischung war auch für den Faschismus kennzeichnend, wobei hier nicht gesagt werden soll, dass Populisten und Faschisten gleich agieren. Vielleicht hat sich aber der politische Faschismus in seinen Zeichensystemen inzwischen historisch überholt und wir leben jetzt in der Zeit der populistischen Autokraten?

 

Wem nützt der Bockstanz? Nicht denen, die den Garten bestellen, in dem der destruktive Tanz stattfindet. Zum Beispiel nicht den Amerikanern, die zur Zeit ihrem Präsidenten dabei zusehen müssen, wie er als politische Abrissbirne fungiert. Seine Anhängerschaft aber wird ihrem „Player“ bis zum Ende treu bleiben, weil sie das Spiel nicht verlieren will. Am Ende wird er damit kommen, dass man ihn verraten habe, und auch das ist ein Spiel, ein Spiel mit dem „Handicap“.

 

Wie kann die Mischung zwischen verborgenem und propagiertem Modus, zwischen Vernunft und Spiel, deutlicher gemacht werden und was vor allem könnte dazu führen, dass sie ihre gefährliche Dynamik nicht weiter entfalten kann?

 

In Stephen Kings berühmten Roman „Es“ ist das Böse ein uraltes Wesen, das in der Kanalisation der Stadt Derry lebt, ein perverser Zirkusclown, der seine Opfer damit lockt, mit ihm zu spielen, ehe er sie umbringt. Der Clown taucht alle 27 Jahre wieder auf, seine Bosheit wird genährt vom Hass und der einsamen Verzweiflung der Einwohner Derrys. Eine Gruppe von Kindern kann ihm schließlich besiegen, weil sie untereinander zu Freundschaft und Liebe finden und weil sie trotz des persönlichen Horrors, den der Clown für jeden einzelnen von ihnen bereit hält, diese Freundschaft nicht aufgeben. King ist hier wie oft in seinen Büchern ein hellsichtiger Prediger, der Amerikas (und nicht nur Amerikas) dunkle Seite zu literarisieren weiß.

 

 

 

Eine wesentliche Rolle für die Entzauberung von Böcken und Clowns und für das Erwachen der Solidarität spielt die Öffentlichkeit, falls man annehmen darf, dass Transparenz und Empörung politisch wirken und daran glaubt, dass „fake news“ keinen Bestand haben. Die Öffentlichkeit ist aber auch der Schauplatz des Populismus. Es bleibt zu hoffen, dass ihm die Aufklärung die Bühne noch streitig machen kann.

 

You are not real“, sagt bei King der Junge, der dem Horror-Clown gegenüber steht und damit beginnt die Zersetzung seiner Macht.

 

Ein Spiel beendet man, wenn man seine Regeln ändert. Das kann zu jeder Zeit geschehen, wenn Einsamkeit und Hass überwunden werden. Ein Spiel ist nicht an Zeit gebunden. Man muss auf nichts warten.

 

Wer hätte gedacht, dass so viele Menschen auf das Zigarettenrauchen verzichten können? Vielleicht können wir auch bald auf den Verbrennungsmotor verzichten oder auf andere überflüssige Gewohnheiten. Vielleicht entdecken wir, dass der Clown kein angenehmer Spielgefährte ist und stellen uns unseren persönlichen Ängsten. Aber das geht nur, wenn Aufklärung weiterhin einen Wert haben soll und es geht nur gemeinsam. Aufklärung war einst das Instrument der Vernunft, einer allgemeinen Vernunft gegen die Unterdrückung und die Attitüden der Mächtigen.

 

 

 

Meinrad Braun

 

 

 

 

 

 

26.10.2015

Aktuell bin ich mit einem neuen Romanprojekt beschäftigt. Es gibt aber hier einiges zum Stöbern, ab und zu ein neues Foto oder eine Metallarbeit....

 

7.6.2015

Die Grenze zwischen den Lebenden und den nicht mehr Lebenden ist schmal, man will es nicht wahrhaben. Eine seltsame Begegnung, vielleicht eine Halluzination, führte zu dieser Geschichte.

Dame mit Hut

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15.3.2015

Der Frühling kommt. Anlass für manches. Für mich unter anderem, meine Schmiede wieder in Betrieb zu nehmen. Wenn Sie wollen, nehme ich Sie mit.

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16.2.2015

Geld und Sex. Sex und Geld. Der Ameisenstaat.

 Biologismen, ich weiß. Dennoch – die Ameisen haben einen Staat, sie haben vielleicht sogar eine Gesellschaft. Wahrscheinlich besitzen sie nur sehr wenig Individualität und dennoch stirbt jede für sich allein. Das ist nicht nur eine Floskel.

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13.1.2015

Die folgenden Überlegungen setzen meine beiden vorangegangenen Essays „Der Kadaver Gottes“ und „Die Lieblinge des Midas“ fort, eine Diskussion also über archaische Symbolik und westliche Werte.

Dazu möchte ich den Begriff des „Opfers“ ins Spiel bringen. Weil ich - nicht zuletzt vor dem Hintergrund der jüngsten Bluttat in einer Pariser Zeitungsredaktion, bei der zwölf Menschen in einem vorgeblichen Racheakt getötet wurden - den Eindruck habe, dass solche religiös-fundamentalistische Gewalttaten in Form einer Opfertat vollzogen werden mit dem Versuch, Gewalthandlungen zu sakrifizieren.

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17.12.2014

Wer kann von sich sagen, dass er einmal etwas wirklich Großes erlebt hat? Manche Leute können das, sicher. Ich könnte es auch, aber ich habe es verpatzt.

Ich bin nämlich Schiller begegnet. Ja, Schiller. Aber lesen Sie selbst, ich habe es aufgeschrieben.

Wie ich Schiller losgeworden bin

Der Tag, an dem ich Schiller begegnet bin, war ein Sonntag. Mein Sohn Florian ging an die Tür, als es klingelte.......

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23.11.2014

Ich bleibe noch beim Schmecken, das Thema hat etwas Verführerisches. Beim Internationalen Mannheimer Filmfestival habe ich einen Beitrag gesehen, der mich zu der folgenden Betrachtung angeregt hat.

Das aktuelle Bild, das dazu passt, ist in Madrid entstanden, auf der Plaza Mayor. Vor allem die Kinder haben die enormen Seifenblasen bewundert. Für die Erwachsenen waren sie, wie manches, nicht mehr so interessant.

Lob des Dilettantismus. Sapeurs.

"Ist das Ihr Hobby?" Wer die Frage fürchtet, kennt das Problem....

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8.11.2013

Das neue Bild zeigt eine der schönsten Johannisbeertorten, die mir je begegnet ist. Sie wird im Schwarzwald gebacken, in Furtwangen, ich sage nicht, wo. Das verrate ich nur bei persönlichem Kontakt

Unter den Zuschriften, die ich in den letzten Tagen bekam, befand sich eine, die mir einen Hinweis auf die tiefere Wortbedeutung der Artbezeichnung "Sapiens" beim "Homo Sapiens" gab. Ich habe etwas gelernt: Dass "Sapere" sich nämlich vom Schmecken bestimmt und dass die "Weisheit" der Menschenart, zu der wir gehören, des "Homo Sapiens" eben, eine weiter gefasste Interpretation darstellt. Der Schmeckende also. Nach unseren Vorfahren, dem "Habilis", dem "Erectus" und dem "Neanderthalensis", dem man sonst nichts mitgegeben hat, als den Fundort. Wenn man uns Zeitgenossen das Schmecken zutraut, dann passt die folgende Geschichte, die ich (nichts ahnend von "Sapiens") vor einiger Zeit geschrieben habe.

Kaldaunen im Pharamond

Aus der Unterwelt stammen sie, aus dem behüteten Dunkel des Leibes, von dem nichts Lebendes etwas wissen möchte. Zu erschreckend die Vorstellung......

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22.10.2014

Auf einer Japanreise im letzten Herbst, bei der auch das Bild von den Kois aufgenommen wurde, ist diese (bisher noch nicht veröffentlichte) Kurzgeschichte entstanden.

Das Teehaus

Jeden Dienstag in der Frühe besuchte Herr Tanizaki den Garten des Kaisers.....

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13.10.2014

Ich habe inzwischen einige Zuschriften zu meinem Artikel "Der Kadaver Gottes", eingestellt am 26.9.2014, erhalten. Über die Offenheit und die bereichernden Gedanken darin habe ich mich sehr gefreut. Die Beiträge ermutigen mich dazu, den Diskurs noch einmal aufzugreifen. Ich füge einen Artikel an, in dem ich einen weiteren Aspekt erörtern möchte.

Die Lieblinge des Midas. Zur Alchemie mit der Schuld.

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26.9.2014

Der Kadaver Gottes. Dschihadismus und westliche Werte.

Der Dschihadismus hat Konjunktur. In den letzten drei Jahren sind nach Recherchen des New Yorker Soufan Instituts 12 000 junge Männer, ein Viertel von ihnen aus westlichen Ländern, in den heiligen Krieg gezogen, die meisten zog es zur IS-Miliz. Sie werden nicht davon abgehalten, dass.....

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22.9.2014

Hier beginnt, was aktuell ist. Das werden Texte sein, auch Bilder, manchmal beides zusammen.

Die Kolumne, die so entsteht, wird ihr eigenes Archiv werden. Ein Schaufenster, das immer neu dekoriert wird.

Wenn ich etwas geschrieben habe, das fertig ist, soll es vom Schreibtisch verschwinden, sonst wird es schwerer, etwas Neues zu schreiben. Vieles kommt in die Schublade, ab und zu wird ein Buch daraus. Manches wird ins Schaufenster gestellt. Man kann davor stehen bleiben und hineinschauen. Wer vorbei kommt und nachsieht, wird immer wieder etwas darin finden. Ein neues Bild, einen neuen Text. Auch Veranstaltungen werden hier angekündigt werden.

Ich freue mich über Kommentare und werde sie beantworten.

Todesfest

(23.10.17)

 

Was hat das Massaker von Las Vegas mit Amokläufen und mit Selbstmordattentaten gemeinsam?

Über das Motiv des Mörders, der aus dem Fenster des Mandalay Bay Hotels ein Blutbad anrichtete, werden Spekulationen angestellt, die Medien tragen alle Schnipsel zusammen, die der furchtbaren Tat einen rational fassbaren Sinn verleihen könnten. Die Frage „Warum?“ steht auf vielen Schildern, die in letzter Zeit auf den Straßen aufgestellt werden, inzwischen auch auf dem Platz vor dem Mandalay Bay Hotel (https://harpers.org/blog/2017/10/weekly-review-34/).

 

Die eingangs gestellte Frage impliziert, dass es etwas Gemeinsames geben könnte zwischen dem „Las Vegas Massacre“, das in der traurigen Reihe anderer „Massacres“ steht und der religiösen Raserei fundamentalistischer Selbstmordattentäter. Ich glaube, dass die Antwort in unserem Umgang mit dem Tod zu finden ist.

 

Jean Baudrillard, der Denker, der dem Umgang mit dem Tod sein Hauptwerk gewidmet hat: „Der symbolische Tausch und der Tod“ (erschienen 1976), setzt sich mit den gesellschaftlichen Veränderungen auseinander, die „primitive“ Gesellschaften in „moderne“ verwandelt haben. Er ist der Auffassung, dass die Moderne muss den Tod ausgrenzen muss, weil er kein Ort der Produktion ist. Mehr noch: Er ist der größte Feind der Produktion und damit jeder gewinnorientierten Ökonomie, denn die Toten arbeiten nicht und sie konsumieren auch nicht. Die Arbeit der Lebenden, ihre erstrebten Sicherheiten und ihre teuren Prothesen stellen einen Versuch dar, den allgegenwärtigen Tod aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Von der Lebenszeit, die, wenn sie diesem Paradigma folgt, immer knapper wird, ist nie genug vorhanden. Wer nicht mehr teilnimmt am Wettlauf der Produktion, ist wertlos. Alles ist käuflich. Nur nicht der Tod.

 

 

 

„I hurt myself today“ singt Johnny Cash auf seiner letzten CD, „to see if I still feel.

 

I focus on the pain, the only thing that' s real.

 

The needle tears a hole, the old familiar sting.

 

Try to kill it all away, but I remember everything.

 

 

 

What have I become, my sweetest friend?

 

Everything I know, goes away in the end.

 

And You could have it all, my empire of dirt.

 

I will let you down. I will make you hurt.“

 

 

 

Wenn alles käuflich geworden ist, dann gibt es keine persönliche Sinnstiftung mehr, die Bestimmung von Werten misst sich am erzielbaren Gewinn, aber Geld ist doch immer nur ein Versprechen von etwas anderem. Das „Ich“ kann, wenn es nichts mehr produziert, nichts weiter tun, als zu konsumieren, bis auch das nicht mehr funktioniert. Und das Leben, das weder tauschbar noch käuflich ist, endet zwischen Schläuchen und piepsenden Apparaten. Zuletzt ist der Sterbende nur noch ein lästiges Subjekt, bedeutungslos für Konsum und Produktion.

 

Damit kann, aus einer Geste der Auflehnung, der eigene Tod als ein Besitz empfunden werden, der nicht verhandelbar ist. Auf dem Spieltisch des eigenen Daseins sticht die Todeskarte alle anderen, was immer sonst an Einsätzen darauf liegen könnte. Der Tod wird zur Chance, wie im Spiel um Geld, das eine der vielen Süchte ist, mit denen die Leere ausgefüllt werden soll. Nur - das Spiel um Geld bringt im besten Fall wieder nur Geld.

 

Wo könnte man das deutlicher sehen als in Las Vegas? Vor der inzwischen musealen Kulisse des spielsüchtigen und drogensüchtigen Amerika, einer Stadt im Dauerfestmodus, die wahrscheinlich größtenteils der Mafia gehört und von Leuten besucht und bezahlt wird, die für ein paar Tage den Spieltourismus pflegen, um danach wieder brav zu arbeiten?

 

Für mich hat es eine schlimme Logik, dass der Täter von Las Vegas, dessen Namen ich nicht (auch hier noch) nennen will und der ein steinreicher Spieler war, sein letztes, suizidales Spiel gerade dort gespielt hat. Mit dem höchsten Einsatz, über den er verfügte, mit seinem Tod. Und wie jeder Spieler wollte er seinen Einsatz so hoch wie möglich treiben, im Tausch gegen so viele Opfer wie möglich, die er zu töten beabsichtigte. Das ist ihm leider gelungen. Nicht zuletzt deshalb, weil es so leicht war, den dafür erforderlichen Overkill im Laden zu erwerben.

 

Der Täter von Las Vegas plante seine Tat wie eine opulente und makabre Veranstaltung. Wie es bereits viele vor ihm taten, deren Motive nicht „rational“ waren, aber auch nicht nur „psychopathisch“ oder nur „terroristisch“, was ihr Handeln jeweils rational erklärbar machen würde. Sie feierten ihr ganz persönliches und makabres „Todesfest“.

 

Baudrillard hat gesagt, der Tod lasse sich von der Produktion nicht aus dem Feld schlagen, Wo er am meisten verdrängt werde, komme er am fatalsten wieder.

 

Religiöse Selbstmordattentäter handeln vielleicht aus Überzeugungen, vielleicht auch mehr oder weniger im Zwang der Indoktrination, am Ende ausweglos. Aber in jedem Fall setzen auch sie ihren Tod in einem Spiel ein, in dem der Einsatz, wie jüngst vor dem Mandalay Bay Hotel, so hoch wie nur möglich getrieben werden soll: Es soll so viele Tote wie möglich geben.

 

Das Spiel mit dem Tod kann nur spielen, wer ihn auch einsetzt. Die zerfetzten Attentäter werden am Ende nur benutzt für politische Strategien. Ihnen war jedoch eingeredet worden, dass ihr Tod einen Wert habe. Einen solch außerordentlichen Wert, dass er mit alldem, was die moderne Produktion an Käuflichkeit aufbringt, nicht aufgewogen werden kann, und dass ihnen dafür ewige Jenseitigkeit gebühre. Das letztere ist wohl kaum zutreffend, das erstere aber schon, eben darum weil der Tod am Ende nicht käuflich ist, wenn es schon alles andere zu sein scheint.

 

Wenn das Leben bedeutungslos geworden ist, wenn es nichts mehr gibt, was Sinn enthält, außer einer religiös motivierten Gier nach Reinheit oder wenn ein eng gewordenes Ego alle anderen Wahrnehmungen ausgelöscht hat, ist die Gefahr groß, dass selbst gestaltete Tod ein finaler Weg in eine letzte gefühlte Souveränität darstellt. Das wäre der „klassische“ Suizid.

 

Wenn zusätzlich andere mit in den Tod gerissen werden sollen, erliegen die Akteure der Versuchung, die Opfer in ein makabres Todesfest zu zwingen, um mit ihnen den Einsatz für ihren symbolischen Hauptgewinn in die Höhe zu treiben. Leider spielen die Medien dabei mit. Sie müssen berichten, das weiß der Täter. Und auch hier erliegen die Berichterstatter nicht selten der Versuchung, das Ereignis zu einer makabren Aufführung zu machen.

 


2.5.2017

 

Mein neuer Roman: "Die abenteuerliche Reise des Pieter van Ackeren in die Neue Welt" wird im Emons Verlag Köln dieses Jahr im August erscheinen. Eben sind die letzten Korrekturen abgeschlossen.

Die Beschreibung und eine Leseprobe befinden sich auf der "Bücher"-Seite, das Cover werde ich einfügen, wenn die Verlagsvorschau erscheint (am 22.5.17).

 

Ich möchte auch auf meine neue Rubrik "Gebrauchsskulpturen" aufmerksam machen. Vielleicht ist der Begriff nicht glücklich - ich könnte auch sagen: Dinge, die man immer wieder in die Hand nimmt, zu denen man eine Beziehung bekommt, wenn man sie benutzt, Dinge, die eine Gestalt besitzen, schließlich auch: Dinge, von denen man lernt.

 

Noch eine Ankündingung habe ich zu machen: ich werde dieses Jahr vom 20. -23. Oktober in der Mannheimer Freizeitschule einen Schmiedekurs für Anfänger/innen anbieten, vom 2.-4. Februar 2018 einen weiteren zum Messerschmieden. Das Programm wird demnächst erscheinen unter: www.freizeitschule.de (in meinen Links gibt es eine direkte Verbindung dorthin).

 

 

 

28.10.2016

 

Ich habe hier lange keinen Text mehr veröffentlicht. Mich hat ein Romanprojekt beschäftigt, das jetzt weitgehend abgeschlossen ist und zur Veröffentlichung bearbeitet werden soll.

Ein paar Mal habe ich überlegt, ob ich diese Reihe fortsetzen soll und mit welcher Haltung ich das tue. Am ehesten scheint es mir eine Form zu sein, mich zu äußern, in einer Zeit, die einen mutlos machen könnte. Aber nicht stumm. Ich freue mich über die Gedanken von denen, die hierher kommen und mir eine Mitteilung machen möchten.

 

Todeskulte

(16.1.16)

 

„Arbeit ist der aufgeschobene Tod“, behauptet Jean Baudrillard in seinem Werk: „Der symbolische Tausch und der Tod“, in dem er die Ökonomie der Moderne als fatalen Irrweg bezeichnet. Weil sie alles, was unproduktiv ist, ausschließen will, aber den Tod nicht aus der Bilanz zu tilgen vermag, nachdem sich das Dasein gegen nichts austauschen lässt. Der stärkste Gegner der Produktion ist der Tod.

Weshalb üben Todeskulte, wie der „Islamische Staat“, solche Faszination aus, vor allem auf junge Leute? Weshalb sind Dschihadisten blind für die Realität außerhalb ihrer Sektenburg?

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Wenn man den Pfad verfolgt, dass in allen Irrwegen ein Körnchen Wahrheit stecken mag - vielleicht nicht im Ziel, aber in der Bewegung, die auf den Weg führt - so besteht es vielleicht darin, dass Jugend sich noch nicht arrangieren mag mit der Kleinlichkeit und den Demütigungen des Lebens. Dass sie nach Souveränität strebt mit der ganzen Unbedarftheit, die ihr zu eigen ist. Sie ist dem Leben näher als die Saturierten und will sich nicht zufrieden geben mit der bloßen „Teilhabe“ an einem allumfassenden Konsumismus per Mausklick, nicht mit der Ignoranz der Etablierten gegenüber ihren Zukunftsträumen. Jugend kann Sehnsucht empfinden, aber auch Hass: Den destruktiven Hass, der als Zustand wirkt und sich seine Ziele aus Schubladen heraussucht.

Hält man das Körnchen Wahrheit fest, so lässt es einen spüren, wie sehr Produktion und Konsum (was längst dasselbe ist), eine dumpfe Landschaft der Servilität und Arroganz geschaffen haben. Der Hass ist ein Teil davon. Man unterwirft sich - nicht irgendeiner Macht, sondern den Gewohnheiten. Der ständigen Handhabung von Kommunikations- und Mobilitätsprothesen, dem Dasein in der Warteschleife, im Stau der Vielen, die hoffen, dass sie noch drankommen. Einige schwimmen auf dem Schaum des Mehrwerts und verachten ganz offen die, die in die Gewinnzone nicht hinein gelangen, weil sie den Eintritt nicht mehr bezahlen können.

Die Freiheit wohnt auf den Bergen.

Der Irrweg der Souveränität aber ist das Ressentiment, der Hass. Wer bloß noch Anwender sein darf, wenn das „Ich“ nur noch eine Adresse ist im Strom des medialen Geflickers, entwickelt man leicht das Gefühlt, betrogen zu sein. Und doch gibt es die Betrüger gar nicht, es gibt nur den Hass als Grundgefühl, aus dem heraus sich viele finden lassen, die als Betrüger entlarvt werden müssen. Wer Schuld zuweisen kann, ist endlich jemand.

Souveränität aber bedeutet: Von sich aus Nehmen dürfen und Geben können: Und selbst entscheiden, wann. Nicht: Kaufen können oder eintauschen oder sich optimieren wie ein Produkt. Wer nehmen darf, genießt Achtung und Würde, wer geben kann, auch.

Was hat das mit Todeskulten zu tun?

Kulte, die mit dem Tod spielen, sind Gemeinschaften, die sich einem dystopischen Ideal verschwören. Mag es religiös sein wie im Falle des „Islamischen Staates“ oder profan wie bei anderen ideologischen Gruppierungen, die sich eine transzendente Sendung geben wollen. Sie geben dem Eintretenden eine elitäre Identität und sie befinden sich in einem Kampf gegen etwas. Islamistische Todeskulte haben der globalen Produktion den Kampf angesagt, und ihre todessüchtigen Eliten haben gute Chancen, diesen Kampf ideologisch zu gewinnen, weil ihnen die schale Welt von Produktion und Konsum auf der Ebene der Werte nichts entgegensetzen kann. Sie versprechen ja, dem Nihilismus ein Ende zu setzen, dessen schlimmste Ausgeburten sie in Wirklichkeit darstellen. Ein Selbstmordattentäter kann natürlich getötet werden, ehe er seine Tat ausführen kann. Er hat aber das furchtbare Spiel, in dem er angetreten ist, dennoch gewonnen, und seine kultisch denkenden Brüder und Schwestern sehen das ebenso.

Wenn Arbeit der aufgeschobene Tod ist – wie Baudrillards Hegel-Kondensat lautet - dann ist der selbst gewählte Tod ein revolutionärer Akt, der die Macht besitzt, die Arbeit aufzuheben und damit auch alles andere, was mit der Arbeit bewerkstelligt werden kann: Zivilisation, Kunst, Kultur.

Denn die „Aufschiebung“ des eigenen Todes durch Arbeit ist ja nichts anderes als das Leben und dessen zeitliche Fülle, die wir gestalten können, indem wir uns der Arbeit unterwerfen und damit gemäß Hegel eben die „Knechte“ sind. Wer statt dessen bereit ist, den Tod anzunehmen zu jeder Zeit, der vermag souverän zu sein. In dem magischen Augenblick, in dem er dem Tod begegnet, ist er „Herr“.

Todeskulte werden von solcher Magie angezogen, weil sie die Sehnsucht nach Souveränität zu beantworten versprechen und weil sie dem Hass ein Ziel geben. Ihre Adepten müssen nur bereit sein, für die Sache zu sterben, dann ist ihr Leben auf einmal Einsatz in einem Spiel, das immer groß ist, weil es so tut, als spiele der Tod mit. Die große „Sache“, wes Inhalt sie immer sei, reklamiert das Opfer des Lebens und der von den Tätern in den Tod Gerissenen für sich, die Ideologie der großen Sache nährt sich an diesem Phantasma wie ein Krebsgeschwür. Nicht umsonst ziert der Totenkopf das Piratenschiff gerade so wie die Kragenspiegel von SS-Uniformen, ist die schwarze Fahne des IS ein Zeichen des vorweggenommenen Sieges über die Zivilisation. Deshalb zerstören die Gottgeweihten die Zeugnisse der Geschichte und der Kultur, weil sie glauben, sie könnten sie überwinden.

Was kann man tun?

Die globale Produktion verstellt den Blick dafür, dass ihre Grundidee der Geiz ist (oder der Gewinn, was dasselbe ist). Sie erzeugt den Hass derer, die zu kurz kommen und das sind immer mehr. Immer mehr Menschen in der global kommunizierenden Welt fühlen sich betrogen und flüchten in einen Hass, der ansteckend ist.

Aber das Leben ist nicht geizig und es sucht keinen Gewinn. Es ist ein Akt der Verschwendung. Und es ist genug da, um es zu verteilen.

Das Dasein, um noch einmal mit Baudrillard zu reden, tauscht sich gegen nichts aus. Es ist nicht käuflich, nicht kreditierbar und nicht tauschbar. Es ist ein Ereignis und kein Produkt, sondern ein Geschenk.

Was kann man tun?

Was tun in einer Welt, die noch nihilistischer geworden ist, als Nietzsche, der Prophet des Nihilismus, es sich hätte vorstellen können, als er einst den Tod Gottes ausrief, nicht als Triumph, sondern als Verlust, unumkehrbar.

Man kann dem Geiz entgegen treten und damit dem Hass, man kann versuchen, die Entsolidarisierung von Gesellschaft zu verhindern. Man kann die Reste des symbolischen Tausches - nichts anderes eben als die nicht käuflichen Teile des Lebens - vor der Lawine der Produktion schützen. Man kann Liebe, Freundschaft, Familie, Erbarmen wieder zu Werten machen (ach nein: Werte sind ja schon wieder etwas wert...) sagen wir besser: Ihnen zur Würde verhelfen.

Leben ist ein unverstandenes Privileg. Und das Universum ist wahrscheinlich ein sehr ausgedehnter Ort des Todes. Die Sterne, zu denen schon die ersten Menschen in Angst hinauf geschaut haben, sind seine Ornamente.

Rücken wir näher zusammen, schauen wir uns in die Augen.

 

 

Symptom Feminophobie. Überlegungen zu den Übergriffen in Köln und anderswo.

(20.1.16)

Wenn ein aufgeklärtes Denken das Geschlecht weniger als biologische sondern kulturelle (oder soziale oder politische oder psychologische) Tatsache begreift, dann besitzt es determinierende Funktionen und nicht determinierende Eigenschaften. Diese Funktionen lassen sich nur wechselseitig verstehen.

Pontiert gesprochen gestaltet die „Frau“ wesentlich den „Mann“ und der „Mann“ wesentlich die „Frau“. Die Geschlechter können sich kulturell nicht vollständig aus sich selbst heraus gestalten.

Mir ist bewusst, dass die jüngsten Ereignisse in Köln und anderswo von mehreren Faktoren bestimmt wurden. Von solchen des Zufalls, der besonderen Gelegenheit und einigen anderen dazu, wie etwa von der Entschlusslosigkeit der Polizei und der Annahme der Täter, dass sie straflos bleiben werden. Aber sie haben eine Debatte weiter transportiert, zu der ich mich von einem bestimmten Blickwinkel aus äußern möchte, da die Täter wie inzwischen feststeht, zum größten Teil aus nordafrikanischen Ländern stammt, in denen patriarchalische Verhältnisse herrschen und da man deshalb leicht dazu tendiert, das kriminelle und sexistische Verhalten, das die Betreffenden gezeigt haben als „fremd“ zu konnotieren, was meiner Ansicht nach nur zum Teil richtig ist. Die nachfolgenden Überlegungen wollen einen Beitrag zur Differenzierung leisten, wobei die Gedanken zum Begriff der Feminophobie über das aktuell Geschehene sicherlich weit hinaus greifen, gleichwohl gehören diese Gedanken dazu.

Als Feminophobie (i.e. Frauen-Hass, Angst vor Frauen) könnte man ein Verhalten bezeichnen, das Frauen entwertet, weil sie Frauen sind und als Frauen in Erscheinung treten. Und sie deshalb Angriffe, Verleumdungen, Zurücksetzungen erfahren lässt, die von Männern begangen werden. Feminophobie ist nicht einfach nur Chauvinismus oder Sexismus, sie ist symbolisch determiniert und will erkennbare Zeichen setzen. Zeichen, die die Natur des Weiblichen treffen, wie Säureattentate gegen unverschleierte Frauen, sexuelle Übergriffe mit entwürdigendem körperlichem Kontakt, Beschmutzung, öffentliche Beschämungen oder familiäre Gewalt, die mit physischen Verletzungen verbunden ist. Somit ist Feminophobie auch eng verbunden mit ähnlich agierender Homophobie, die auf die Erscheinung des Schwulen zielt und in erster Linie aus (männlicher) Angst vor „Verweichlichung“ entsteht.

Feminophobes (und homophobes) Verhalten, ausgestaltet in Exzessen, die teilweise bis zur Tötung von Frauen, zum Feminizid führen, nimmt weltweit zu. In Gottesstaaten, in Militärstaaten und Diktaturen muslimischer Prägung, in Autokratien mit „starken“ Führern, in hinduistisch geprägten Ländern wie in Indien oder christlich geprägten wie in Mexico, wo in der Region Juarez seit Jahren hundertfach systematisch organisierte Bandenmorde an Frauen begangen wurden, von denen die wenigsten aufgeklärt wurden. Weltweit nimmt auch der vorgeburtliche Feminizid zu, etwa in China oder in Indien, dies geschieht aber auch in anderen Ländern. Die „strategische“ sexuelle Gewalt gegen Frauen durch den IS, afrikanische Milizen und reguläre Armeen wie in Syrien ist quasi die Regel bei deren Kriegsführung geworden. Auch in Deutschland wurden und werden in einer klandestinen Parallelkultur sogenannte „Ehrenmorde“ begangen, die nichts anderes als Feminizide sind, mit denen die Familienehre (die zum größten Teil Männer-Ehre ist), wiederhergestellt werden soll. In vielen muslimisch geprägten Ländern ist der öffentliche Raum, vor allem nach Einbruch der Dunkelheit ausschließlich Männern vorbehalten. Frauen werden, wenn sie ihn betreten, gewaltsam sanktioniert. Die Übergriffe gegen Frauen auf dem Tahrir-Platz, mit denen der „Arabische Frühling“ endete, haben auch den Hintergrund, dass der politische Raum (wieder) ein männlicher zu sein habe. Last but not least zegt Pornografie, die medial international produziert und konsumiert wird, sehr oft feminophobe, erniedrigende Muster bis hin zu expliziter Gewaltanwendung.

Der Versuch einer Erklärung kann vielleicht zum besseren Verstehen führen und vielleicht sogar ein Beitrag zur Änderung sein. Meine Hypothese ist die, dass Feminophobie als exzessives „männliches“ Dominanzverhalten meistens einer Dysbalance der Geschlechterkultur entspringt, die durch rasche Änderungen einer festgeschriebenen Kultur entsteht, bei der gesellschaftliche Verwerfungen entstehen, durch die Männer verunsichert werden. Wenn Geschlechter als kulturelle Tatsachen wirken, ist ihre wesentliche Funktion systemisch gesehen die der Bindung. Nicht zu verwechseln mit Ebenbürtigkeit, aber zu sehen als gesellschaftlich stabilisierender Faktor. Das Geschlecht funktioniert aber auch als Reiz, als Herausforderung des jeweils anderen Geschlechts, das seine Bestätigung dadurch erfährt, das es auf die Herausforderung zu reagieren vermag, sonst gäbe es keine Erotik zwischen den Geschlchtern. Die Frau gestaltet den Mann und der Mann gestaltet die Frau. Dies aber nie in bloßer Harmonie, wie jedes Spiel Spannung braucht, damit es sich entfaltet. Mit anderen Worten: Der Stolz, eine Frau oder ein Mann zu sein, weil man so wahrgenommen wird, bedeutet nicht bloß eine statische Eigenschaft oder Tatsache, sondern wird als dynamische Herausforderung erlebt, auf die vom anderen Geschlecht regelkonform geantwortet wird. Dieses ständig ablaufende Spiel kann sozial konstituierend oder es kann destruktiv verlaufen, es kommt auf die Regeln an.

In traditionell strukturierten Kulturen, die sich mit religiösen und anderen symbolischen Mustern stabilisieren, ist der Medienkonsum eingebrochen wie eine Tsunami-Welle. Innerhalb eines Menschenlebens, eigentlich sogar innerhalb der kleinen Zeitspanne einer Jugendzeit hat eine permissive, nihilistische und sexualisierte Produktewelt jeden Winkel der Erde erreicht und konkurriert mit schnellen Bildern und virtueller Pseudorealität gegen überkommene Werte, deren Wesen und Gewicht oft darin besteht, dass sie über einen langen Zeitraum erworben werden wollen. Wer könnte einem solchen Einbruch widerstehen und - wer setzt etwas dagegen? Wer wagt es überhaupt, wer und was wäre stark genug dafür?

Weshalb kann es sein, dass Hunderte von angeheizten Männern, unter denen anteilig viele muslimisch sozialisierte Asylanten sind, in einer deutschen Großstadt gezielt Frauen angreifen, sexuell belästigen und bestehlen, obwohl die Genannten sich und ihren Leidensgenossen, die als Flüchtlinge in dem Land aufgenommen wurden, in dem sich das abspielt, damit nicht nur einen Bärendienst erweisen, sondern in geradezu bewusstloser Manier Gastfreundschaft und Anstand hinter sich lassen?

Eine der augenfälligsten Ursachen mag sein, dass Männer in Gruppen, junge Männer zumal, die sozial depriviert sind und einen massiven Verlust ihrer Selbstwirksamkeit erlitten haben, wie das bei Flüchtlingen der Fall ist, potenziell gefährlich sind, weil sie am empfindlichsten auf Zurücksetzungen reagieren. Das führt leicht zu kriminellen und gewalttätigen Handlungen, die ein kurzfristiges „Souveränitäts- erleben“ versprechen. Vor allem dort, wo die Gefahr, sanktioniert zu werden gering ist, weil die Akteure zu Recht wahrnehmen, dass sie wegen des Behördenversagens im Gastland nicht belangt werden können.

Wenn die These richtig wäre, dass feminophobes Verhalten dort auftritt, wo Männer schwach sind und wenn schwache Männer gefährlich sind, muss man sich um diese Männer kümmern. Ohne Frage vorrangig mit vermehrtem Polizeieinsatz zum Schutz der Frauen. Der Schutz der Frauen aber ist auch der Schutz der allermeisten Flüchtlinge und der Unentschiedenen unter den tatbereiten Männern, letztlich damit der Schutz der Männer vor sich selbst. Wenn die aktiven Täter gezielt gehindert und bestraft werden, wird die Grauzone des Möglichen und damit die Verdrängungszone dessen, was sich nicht gehört, schmaler. Es wird mehr von denen geben, die sagen: Nein, da mache ich nicht mit.

Integration kann nur in Schritten gelingen. Die integral gut gemeinte und vielleicht naive „Willkommenskultur“, die ein positives Signal setzte, hat einen Dämpfer bekommen. Wir sind aufgerufen, uns mit Ehrbegriffen zu befassen, die wir glauben, hinter uns gelassen zu haben. Ein Trost ist der ganz einfache und schlicht säkulare: Dass Mann und Frau in einer modernen und solidarischen Gesellschaft allgemeines Ansehen erwerben können, wenn sie Arbeit haben, Familien gründen und ihre Existenz selbstständig sichern.

Aber gewähren wir uns das eigentlich selbst?

Wir lassen zu, dass ganze Stadtviertel ins Prekariat gelangen und stehen zugunsten anderer politischer Präferenzen für die Zukunft unserer eigenen Kinder und Jugendlichen nur mit halber Kraft ein. Wir sehen dabei zu, wie die soziale Schere immer weiter aufgeht. Da können wir kaum wirksam für die Integration von Menschen sorgen, deren Verhalten und Werte uns fremd sind.

Das zu befürchtende Ergebnis aber wäre eine symmetrische Eskalation der gegenseitigen Entfremdung und eine Ghettoisierung wie in den Banlieus von Paris. Der Schaden wäre groß, selbst für diejenigen, die sich dem Prekariat kraft ihrer Vermögensverhältnisse entziehen können.

Exzessive Ehrbegriffe und Feminophopie sind kulturell bedingte Angstsymptome. Ohne Zweifel sind es gefährliche Symptome, aber sie sind heilbar in einer sozial orientierten solidarischen Zivilgesellschaft.

Ich empfehle weiterführend den Vortrag von Gert Krell:

Geschlechterverhältnisse – zwischen Gewalt und Frieden (anlässlich einer Gedenkveranstaltung für die Opfer der Hexenprozesse des Kurmainzischen Amtes Hofheim), gehalten am 27.4.2012.

http://.gert-krell.de/geschlechterverhältnisse.pdf