Wie ich Schiller losgeworden bin


Der Tag, an dem ich Schiller begegnet bin, war ein Sonntag. Mein Sohn Florian ging an die Tür, als es klingelte. Ich sagte, geh doch mal hin, ich muss noch die Nudeln abschütten. Er ging und kam zurück, stellte sich neben mich und sagte:

„Papa, da ist ein Mann“.

„Was für ein Mann?“ habe ich gefragt.

Man sagt manchmal solche blödsinnigen Sachen. Jedenfalls habe ich das gesagt, und mein Sohn sah mich an und sagte: „Na ja, ein Mann“, dabei hat er den Kopf ein wenig schief gelegt.

Ich schüttete die Nudeln daraufhin etwas schneller in den Durchschlag und ging zur Tür. Womöglich die Polizei, dachte ich. Irgendjemand hat mich vielleicht aufgeschrieben, weil ich einen der Bäume im Viertel beim Ausparken gestreift habe oder über die rote Ampel gefahren bin. Was man eben denkt in so einem Augenblick.

An der Tür und stand tatsächlich ein Mann.

Dessen Kurzbeschreibung war meinem Sohn mittels Schieflegen des Kopfes nicht schlecht gelungen. Wie er aussah? Na ja, er sah ziemlich komisch aus.

Ich habe vergessen, zu erwähnen, dass es draußen regnete, was es konnte. Der Mann war total nass und er trug seltsame altmodische Klamotten. Als habe ihn eine Theatertruppe vor vierzehn Tagen rausgeschmissen und als hätte er in der Zwischenzeit unter den Brücken gelebt. Was beinahe zutraf, wie sich kurz darauf herausgestellt hat.

„Abend,“ sagte ich.

Der Mann erwiderte meinen Gruß nicht, der zugegeben sehr kurz geraten war. Er nickte hastig mehrmals hintereinander. Seine langen grauen Haare waren mit Schnur zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und er war nicht rasiert.

Ziemlich klein, vogelartig hager und heruntergekommen, die blauen Augen gingen hin und her wie Murmeln in einem Schüttelspiel. Er versuchte, mich zu fixieren, kriegte es auch hin, und sagte in dem Moment, als seine Augen beide gleichzeitig stehen blieben: „Ich bin Friedrich Schiller.“

Nun setzt bei mir in solchen Augenblicken ein bestimmter Reflex ein, der es mir erspart, mich zu ärgern oder aufzuregen. In freundlichem Ton, aber mit einer gewissen Distanz sagte ich: „Aha.“

Der Mann starrte mich an und sagte weiter nichts. Als hätte es gereicht, dass er Friedrich Schiller sei. Wenn er es gewesen wäre, dann hätte es ja auch gereicht.

„Brauchen Sie Hilfe?“ sagte ich.

Wobei ich anklingen ließ, dass diese Hilfe von mir, aber auch von anderer Seite, von jeder Seite eigentlich, kommen konnte.

Der Mann blieb dabei, mich trotzig anzustarren. Ich sah an ihm herunter und bemerkte seine ausgelatschten, völlig verdreckten altmodischen Schnallenschuhe. Vielleicht hatte er sich ja bei der „Tafel“ mit alten Theatersachen aus einer Kleidersammlung ausstaffiert. Ich wusste, dass es solche Einrichtung gab, aber nicht genau, was man dort in die Hand gedrückt bekam. Der Mann hatte aug eine hochtrabend wirkende Art inzwischen einen Fuß vorangestellt und die rechte Hand in die Hüfte gestemmt. Die Hand zitterte.

Inzwischen war auch meine Frau bei der Tür angekommen. Sie tippte mir auf die Schulter und ihre Stimme hinter meinem Rücken sagte: „Wollen Sie nicht einen Augenblick reinkommen?“

„Vielleicht könnten Sie die Schuhe ja ausziehen“, fügte ich der Einladung meiner Frau hinzu.

Schiller, ich nenne ihn von jetzt an so, nickte gravitätisch, und versuchte, seine Schuhe auszuziehen. Dabei schwankte er so, dass wir, also meine Frau und ich, mein Sohn fasste auch mit zu, ihn stützen mussten, damit er nicht in unserem Windfang umfiel. Meine Frau fragte ihn, weil das angesichts von Schillers Zustand nahe lag, ob er Hunger habe.

Schiller ließ von seinem Versuch, die Schuhe auszuziehen, wieder ab und nickte auf die Frage meiner Frau hin finster und knapp - wieder mehrmals hintereinander. Wir führten ihn hinein und an unseren Esstisch, wo wir ihn mehr oder weniger auf die Bank drückten, die dort an der Wand steht.

Ich ergab mich in die Gastgeberrolle.

„Es gibt Spaghetti Bolognese,“ teilte ich Schiller mit.

„Schpaghetti“ wiederholte Schiller. „Italienisch. Das ist Italienisch“, stellte er fest.

Ich hörte, dass er leicht schwäbelte und dachte automatisch: Echt Schiller. Dabei konnte es auch gar nicht anders sein, aber, wie gesagt: zu diesem Zeitpunkt ...

Um es kurz zu machen, Schiller futterte wie ein Scheunendrescher, er hatte bestimmt seit längerer Zeit nichts mehr zu essen gekriegt. Meine Kinder, inzwischen war meine Tochter auch aus ihrem Zimmer heruntergekommen, und hatte sich zu uns an den Tisch gesetzt, mein Sohn und meine Tochter also, sahen andächtig zu, wie Schiller aß. Ich hatte ihn meiner Tochter leise vorgestellt, während er sich gerade einen zweiten Batzen Nudeln aus der Schüssel angelte und uns dabei einen bösen Blick zuwarf. Wie eine Möve, die ein Stück Brot aus dem Wasser fischt.

„Herr Schiller“, flüsterte ich ihr zu, „Friedrich Schiller.“ Wir hoben anschließend beide die Augenbrauen. Zu Schiller gewandt sagte ich: „Das ist meine Tochter Johanna, meinen Sohn Florian kennen Sie ja schon“.

Schiller nickte mit vollem Mund und zerhackte auf seinem Teller die nächste Portion Spaghetti ungeschickt mit der Gabel. Meine Tochter stand auf, ging hinüber zum Bücherregal und holte die „Räuber“ heraus, ein Reclamheft. Sie legte es neben sich auf den Esstisch und wir warteten schweigend, bis Schiller mit seinen Nudeln fertig war. Ich hatte eine Flasche Wein aufgemacht, weil wir das abends immer tun, und natürlich haben wir auch Schiller ein Glas hingestellt.

Er stürzte es hinunter, tat einen tiefen Atemzug, und lehnte sich danach mit geschlossenen Augen an die Wand hinter der Küchenbank. Einen Moment lang dachte ich, er würde das Bewusstsein verlieren oder einschlafen, aber er rappelte sich wieder hoch, seine Augen gingen wieder auf, rutschten ein paar mal hin und her, dann fiel sein Blick auf das Buch. Er griff danach und las den Titel. Er brauchte eine Weile dazu, als fiele ihm das schwer. Dann klappte er es auf und blätterte darin, schüttelte ein paar Mal den Kopf, legte es wieder ihn und sagte, das sei von ihm.

„Das ischt von mir“, sagte er.

Und fügte mit resigniertem Kopfschütteln hinzu, derlei habe er noch nicht gesehen – er sagte wirklich „derlei“, wie er sich überhaupt, wenn er redete, ziemlich geschraubt ausdrückte. Aber das war klar, weil er ja – genau. Aber das wussten wir eben noch nicht.

Woher er denn jetzt komme, habe ich ihn gefragt und wieso er sich gerade bei uns gemeldet habe. Ich wollte eine Konversation anfangen, verstehen Sie, die in der Regel damit beginnt, dass einer kommt, aber auch wieder geht. Über kurz oder lang konnte ich ihn dann auch fragen, wo er anschließend hin wollte.

Schiller erklärte, er komme aus dem Elysium.

Wir haben uns alle angesehen, meine Frau sah danach sofort weg und fasste sich an der Nase. Ich habe nachgefragt, freundlich, wirklich freundlich: „Sie meinen vielleicht „Asyl“ oder?“

Schiller hob seine lange Nase, sie sah tatsächlich aus wie auf den Bildern die es von ihm gibt, das habe ich später noch einmal verglichen, sonst sah er sich aber überhaupt nicht ähnlich – er starrte mich also mit seinem hochfahrenden Blick an und beantwortete meine Frage nicht. Statt dessen trank er das zweite Glas Wein aus, das wir ihm eingeschenkt hatten.

Meine Kinder erhoben sich, dabei raunten sie uns zu, wie sie das in solchen Fällen tun - wenn langweilige Erwachsene am Tisch sitzen - sie hätten noch zu lernen, im Klartext heißt das, sie gehen Chatten oder Lesen.

„Und was haben Sie jetzt vor“, fragte ich, in einer wie ich fand, gekonnten Mischung aus Teilnahme und distanziertem Interesse, weil ich mich am Sonntagabend auch ganz gern noch zurückziehe und weil ich weiß, dass meine Frau den „Tatort“ nicht verpassen möchte.

Diese Frage konnte oder wollte Schiller nicht beantworten. Er wich meinem teilnehmenden Blick aus und griff sich noch einmal das Reclamheft das auf dem Tisch lag, die „Räuber“, starrte hinein und fing an, darin zu blättern.

Ich stand so lange auf und räumte die Teller weg, als Signal sozusagen, dass die Tafel jetzt aufgehoben sei. Als ich das Geschirr zur Spülmaschine trug, sah ich aus den Augenwinkeln, dass Schiller mit einem Bleistift, der auf dem Tisch gelegen hatte, etwas in das Reclamheft kritzelte, es zuklappte und wieder auf den Tisch legte.

Ich stapelte die Teller umständlich in die Spülmaschine. Weil sie nun voll war, holte ich noch eine Spülmitteltablette, schob sie rein, dann ließ ich die Maschine laufen. Als ich mich wieder umdrehte, sah ich, dass Schiller gerade in den Brotkorb langte und sich das Brot, das noch darin gewesen war, in die Hosentaschen stopfte. Er bemerkte meinen Blick und hielt ihn mit zusammengepressten Lippen aus.

Ich hätte nichts dazu gesagt, wirklich nicht, aber mein Großmut wurde durch die Türklingel durchbrochen, die ging nämlich schon wieder.

Meine Frau, die inzwischen oben im Wohnzimmer die „Tagesschau“ laufen hatte, rief herunter: „Gehst du?“

Ich ging also. Draußen stand ein Polizist. Diesmal also tatsächlich die Polizei.

„Abend“ sagte ich, wie immer eben.

„Guten Abend“, sagte der Beamte vorschriftsmäßig geschult in zwei Worten und dann noch: „Entschuldigen Sie.“

Ich machte ein entschuldigendes Gesicht und der Polizist fragte, ob wir einen Mann in abgerissener, altmodischer Kleidung gesehen hätten, der einen Zopf trage. Der mache die Umgebung hier unsicher.

In diesem Augenblick, wissen Sie – also ich habe später noch oft an diesen Moment gedacht, da hätte ich etwas tun können, etwas – wie soll ich sagen, etwas wirklich Wichtiges, so möchte ich mich mal ausdrücken. Ich hätte Schiller retten können.

Aber das habe ich nicht getan.

Ich habe den Polizisten angesehen und tief eingeatmet, dabei drehte ich mich halb um zu Schiller, der in unserem Esszimmer saß, gut sichtbar, sobald ich einen Schritt zur Seite machen würde. Diesen Schritt konnte ich aber nicht machen, obwohl ich - ich gebe es zu -, dabei war, ihn zu tun. Denn Schiller rannte im gleichen Augenblick an mir und dem Polizisten vorbei.

Wir sahen ihm beide verdutzt nach, der Polizist und ich, wie er durch den Windfang hastete, die Gartentür aufstieß und durch den Lichtschein der Straßenlaterne rannte, in deren Licht man den Regen wie aus einer angedrehten Dusche herunter kommen sah. Dann verschwand er zwischen den Hecken auf dem Brachgrundstück, das dem unseren gegenüber liegt.

„Das war er doch“, sagte der Polizist.

Ich konnte dazu nur nicken. Der Polizist sah mich an, jetzt nicht mehr fassungslos, eher verärgert, würde ich sagen, und rannte grußlos aus der Tür, Schiller hinterher. Ich sah noch eine Weile in den Regen hinaus, aber es passierte nichts.

Schiller blieb verschwunden, der Polizist ebenfalls.

Bevor ich hinauf ging, um mir mit meiner Frau zusammen den „Tatort“ anzusehen, ging ich zum Esstisch und nahm des Reclamheft mit den „Räubern“ zur Hand. Ich klappte es auf und sah mir an, was Schiller hineingeschrieben hatte. Da stand in altmodischer Schrift, ich konnte es zuerst kaum lesen:

„Frei seien alle meine Knechte!“ Darunter: „Friedrich Schiller.“

Ich habe es meiner Frau gezeigt.

Nach dem Tatort gingen wir mit dem Heft in den Keller, ihr war nämlich eingefallen, dass in ihrer Ausgabe von Schillers „Dramen“ ein Foto von Schillers Unterschrift wäre. Nun, Sie ahnen es schon. Wir ahnten es auch, als wir das Reclamheft neben das Foto hielten.

Am nächsten Wochenende fuhren wir nach Marbach. Wir hatten uns bereits vorher telefonisch mit einem der dortigen Experten verabredet. Während der Fahrt über die Autobahn, es war bei Heilbronn und es war sehr schönes Wetter, fragte mich meine Frau plötzlich, ob ich mir eigentlich überlegt hätte, was passieren würde, wenn die Unterschrift als echt anerkannt werden würde.

„Nein“, sagte ich.

Wir fuhren gerade über die Neckarbrücke und wr dachten angestrengt nach. Etwa zwanzig Sekunden lang.

Dann sagte ich: „Ich lass das Fenster runter und schmeiße das Heft raus, in Ordnung?“

Meine Frau hat mich einen Moment angesehen und sich auf die Lippen gebissen. Dann hat sie genickt.


Mannheim, im Schillerjahr 2009