Todeskulte

„Arbeit ist der aufgeschobene Tod“, behauptet Jean Baudrillard in seinem Werk: „Der symbolische Tausch und der Tod“, in dem er die Ökonomie der Moderne als fatalen Irrweg bezeichnet. Weil sie alles, was unproduktiv ist, ausschließen will, aber den Tod nicht aus der Bilanz zu tilgen vermag, nachdem sich das Dasein gegen nichts austauschen lässt. Der stärkste Gegner der Produktion ist der Tod.

Weshalb üben Todeskulte, wie der „Islamische Staat“, solche Faszination aus, vor allem auf junge Leute? Weshalb sind Dschihadisten blind für die Realität außerhalb ihrer Sektenburg?

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Wenn man den Pfad verfolgt, dass in allen Irrwegen ein Körnchen Wahrheit stecken mag - vielleicht nicht im Ziel, aber in der Bewegung, die auf den Weg führt - so besteht es vielleicht darin, dass Jugend sich noch nicht arrangieren mag mit der Kleinlichkeit und den Demütigungen des Lebens. Dass sie nach Souveränität strebt mit der ganzen Unbedarftheit, die ihr zu eigen ist. Sie ist dem Leben näher als die Saturierten und will sich nicht zufrieden geben mit der bloßen „Teilhabe“ an einem allumfassenden Konsumismus per Mausklick, nicht mit der Ignoranz der Etablierten gegenüber ihren Zukunftsträumen. Jugend kann Sehnsucht empfinden, aber auch Hass: Den destruktiven Hass, der als Zustand wirkt und sich seine Ziele aus Schubladen heraussucht.

Hält man das Körnchen Wahrheit fest, so lässt es einen spüren, wie sehr Produktion und Konsum (was längst dasselbe ist), eine dumpfe Landschaft der Servilität und Arroganz geschaffen haben. Der Hass ist ein Teil davon. Man unterwirft sich - nicht irgendeiner Macht, sondern den Gewohnheiten. Der ständigen Handhabung von Kommunikations- und Mobilitätsprothesen, dem Dasein in der Warteschleife, im Stau der Vielen, die hoffen, dass sie noch drankommen. Einige schwimmen auf dem Schaum des Mehrwerts und verachten ganz offen die, die in die Gewinnzone nicht hinein gelangen, weil sie den Eintritt nicht mehr bezahlen können.

Die Freiheit wohnt auf den Bergen.

Der Irrweg der Souveränität aber ist das Ressentiment, der Hass. Wer bloß noch Anwender sein darf, wenn das „Ich“ nur noch eine Adresse ist im Strom des medialen Geflickers, entwickelt man leicht das Gefühlt, betrogen zu sein. Und doch gibt es die Betrüger gar nicht, es gibt nur den Hass als Grundgefühl, aus dem heraus sich viele finden lassen, die als Betrüger entlarvt werden müssen. Wer Schuld zuweisen kann, ist endlich jemand.

Souveränität aber bedeutet: Von sich aus Nehmen dürfen und Geben können: Und selbst entscheiden, wann. Nicht: Kaufen können oder eintauschen oder sich optimieren wie ein Produkt. Wer nehmen darf, genießt Achtung und Würde, wer geben kann, auch.

Was hat das mit Todeskulten zu tun?

Kulte, die mit dem Tod spielen, sind Gemeinschaften, die sich einem dystopischen Ideal verschwören. Mag es religiös sein wie im Falle des „Islamischen Staates“ oder profan wie bei anderen ideologischen Gruppierungen, die sich eine transzendente Sendung geben wollen. Sie geben dem Eintretenden eine elitäre Identität und sie befinden sich in einem Kampf gegen etwas. Islamistische Todeskulte haben der globalen Produktion den Kampf angesagt, und ihre todessüchtigen Eliten haben gute Chancen, diesen Kampf ideologisch zu gewinnen, weil ihnen die schale Welt von Produktion und Konsum auf der Ebene der Werte nichts entgegensetzen kann. Sie versprechen ja, dem Nihilismus ein Ende zu setzen, dessen schlimmste Ausgeburten sie in Wirklichkeit darstellen. Ein Selbstmordattentäter kann natürlich getötet werden, ehe er seine Tat ausführen kann. Er hat aber das furchtbare Spiel, in dem er angetreten ist, dennoch gewonnen, und seine kultisch denkenden Brüder und Schwestern sehen das ebenso.

Wenn Arbeit der aufgeschobene Tod ist – wie Baudrillards Hegel-Kondensat lautet - dann ist der selbst gewählte Tod ein revolutionärer Akt, der die Macht besitzt, die Arbeit aufzuheben und damit auch alles andere, was mit der Arbeit bewerkstelligt werden kann: Zivilisation, Kunst, Kultur.

Denn die „Aufschiebung“ des eigenen Todes durch Arbeit ist ja nichts anderes als das Leben und dessen zeitliche Fülle, die wir gestalten können, indem wir uns der Arbeit unterwerfen und damit gemäß Hegel eben die „Knechte“ sind. Wer statt dessen bereit ist, den Tod anzunehmen zu jeder Zeit, der vermag souverän zu sein. In dem magischen Augenblick, in dem er dem Tod begegnet, ist er „Herr“.

Todeskulte werden von solcher Magie angezogen, weil sie die Sehnsucht nach Souveränität zu beantworten versprechen und weil sie dem Hass ein Ziel geben. Ihre Adepten müssen nur bereit sein, für die Sache zu sterben, dann ist ihr Leben auf einmal Einsatz in einem Spiel, das immer groß ist, weil es so tut, als spiele der Tod mit. Die große „Sache“, wes Inhalt sie immer sei, reklamiert das Opfer des Lebens und der von den Tätern in den Tod Gerissenen für sich, die Ideologie der großen Sache nährt sich an diesem Phantasma wie ein Krebsgeschwür. Nicht umsonst ziert der Totenkopf das Piratenschiff gerade so wie die Kragenspiegel von SS-Uniformen, ist die schwarze Fahne des IS ein Zeichen des vorweggenommenen Sieges über die Zivilisation. Deshalb zerstören die Gottgeweihten die Zeugnisse der Geschichte und der Kultur, weil sie glauben, sie könnten sie überwinden.

Was kann man tun?

Die globale Produktion verstellt den Blick dafür, dass ihre Grundidee der Geiz ist (oder der Gewinn, was dasselbe ist). Sie erzeugt den Hass derer, die zu kurz kommen und das sind immer mehr. Immer mehr Menschen in der global kommunizierenden Welt fühlen sich betrogen und flüchten in einen Hass, der ansteckend ist.

Aber das Leben ist nicht geizig und es sucht keinen Gewinn. Es ist ein Akt der Verschwendung. Und es ist genug da, um es zu verteilen.

Das Dasein, um noch einmal mit Baudrillard zu reden, tauscht sich gegen nichts aus. Es ist nicht käuflich, nicht kreditierbar und nicht tauschbar. Es ist ein Ereignis und kein Produkt, sondern ein Geschenk.

Was kann man tun?

Was tun in einer Welt, die noch nihilistischer geworden ist, als Nietzsche, der Prophet des Nihilismus, es sich hätte vorstellen können, als er einst den Tod Gottes ausrief, nicht als Triumph, sondern als Verlust, unumkehrbar.

Man kann dem Geiz entgegen treten und damit dem Hass, man kann versuchen, die Entsolidarisierung von Gesellschaft zu verhindern. Man kann die Reste des symbolischen Tausches - nichts anderes eben als die nicht käuflichen Teile des Lebens - vor der Lawine der Produktion schützen. Man kann Liebe, Freundschaft, Familie, Erbarmen wieder zu Werten machen (ach nein: Werte sind ja schon wieder etwas wert...) sagen wir besser: Ihnen zur Würde verhelfen.

Leben ist ein unverstandenes Privileg. Und das Universum ist wahrscheinlich ein sehr ausgedehnter Ort des Todes. Die Sterne, zu denen schon die ersten Menschen in Angst hinauf geschaut haben, sind seine Ornamente.

Rücken wir näher zusammen, schauen wir uns in die Augen.