Todesfest

Was hat das Massaker von Las Vegas mit Amokläufen und mit Selbstmordattentaten gemeinsam?

Über das Motiv des Mörders, der aus dem Fenster des Mandalay Bay Hotels ein Blutbad anrichtete, werden Spekulationen angestellt, die Medien tragen alle Schnipsel zusammen, die der furchtbaren Tat einen rational fassbaren Sinn verleihen könnten. Die Frage „Warum?“ steht auf vielen Schildern, die in letzter Zeit auf den Straßen aufgestellt werden, inzwischen auch auf dem Platz vor dem Mandalay Bay Hotel.

 

Die eingangs gestellte Frage impliziert, dass es etwas Gemeinsames geben könnte zwischen dem „Las Vegas Massacre“, das in der traurigen Reihe anderer „Massacres“ steht und der religiösen Raserei fundamentalistischer Selbstmordattentäter. Ich glaube, dass die Antwort in unserem Umgang mit dem Tod zu finden ist.

 

Jean Baudrillard, der Denker, der dem Umgang mit dem Tod sein Hauptwerk gewidmet hat: „Der symbolische Tausch und der Tod“ (erschienen 1976), setzt sich mit den gesellschaftlichen Veränderungen auseinander, die „primitive“ Gesellschaften in „moderne“ verwandelt haben. Er ist der Auffassung, dass die Moderne muss den Tod ausgrenzen muss, weil er kein Ort der Produktion ist. Mehr noch: Er ist der größte Feind der Produktion und damit jeder gewinnorientierten Ökonomie, denn die Toten arbeiten nicht und sie konsumieren auch nicht. Die Arbeit der Lebenden, ihre erstrebten Sicherheiten und ihre teuren Prothesen stellen einen Versuch dar, den allgegenwärtigen Tod aus dem Bewusstsein zu verdrängen. Von der Lebenszeit, die, wenn sie diesem Paradigma folgt, immer knapper wird, ist nie genug vorhanden. Wer nicht mehr teilnimmt am Wettlauf der Produktion, ist wertlos. Alles ist käuflich. Nur nicht der Tod.

 

 

 

„I hurt myself today“ singt Johnny Cash auf seiner letzten CD, „to see if I still feel.

 

I focus on the pain, the only thing that' s real.

 

The needle tears a hole, the old familiar sting.

 

Try to kill it all away, but I remember everything.

 

 

 

What have I become, my sweetest friend?

 

Everything I know, goes away in the end.

 

And You could have it all, my empire of dirt.

 

I will let you down. I will make you hurt.“

 

 

 

Wenn alles käuflich geworden ist, dann gibt es keine persönliche Sinnstiftung mehr, die Bestimmung von Werten misst sich am erzielbaren Gewinn, aber Geld ist doch immer nur ein Versprechen von etwas anderem. Das „Ich“ kann, wenn es nichts mehr produziert, nichts weiter tun, als zu konsumieren, bis auch das nicht mehr funktioniert. Und das Leben, das weder tauschbar noch käuflich ist, endet zwischen Schläuchen und piepsenden Apparaten. Zuletzt ist der Sterbende nur noch ein lästiges Subjekt, bedeutungslos für Konsum und Produktion.

 

Damit kann, aus einer Geste der Auflehnung, der eigene Tod als ein Besitz empfunden werden, der nicht verhandelbar ist. Auf dem Spieltisch des eigenen Daseins sticht die Todeskarte alle anderen, was immer sonst an Einsätzen darauf liegen könnte. Der Tod wird zur Chance, wie im Spiel um Geld, das eine der vielen Süchte ist, mit denen die Leere ausgefüllt werden soll. Nur - das Spiel um Geld bringt im besten Fall wieder nur Geld.

 

Wo könnte man das deutlicher sehen als in Las Vegas? Vor der inzwischen musealen Kulisse des spielsüchtigen und drogensüchtigen Amerika, einer Stadt im Dauerfestmodus, die wahrscheinlich größtenteils der Mafia gehört und von Leuten besucht und bezahlt wird, die für ein paar Tage den Spieltourismus pflegen, um danach wieder brav zu arbeiten?

 

Für mich hat es eine schlimme Logik, dass der Täter von Las Vegas, dessen Namen ich nicht (auch hier noch) nennen will und der ein steinreicher Spieler war, sein letztes, suizidales Spiel gerade dort gespielt hat. Mit dem höchsten Einsatz, über den er verfügte, mit seinem Tod. Und wie jeder Spieler wollte er seinen Einsatz so hoch wie möglich treiben, im Tausch gegen so viele Opfer wie möglich, die er zu töten beabsichtigte. Das ist ihm leider gelungen. Nicht zuletzt deshalb, weil es so leicht war, den dafür erforderlichen Overkill im Laden zu erwerben.

 

Der Täter von Las Vegas plante seine Tat wie eine opulente und makabre Veranstaltung. Wie es bereits viele vor ihm taten, deren Motive nicht „rational“ waren, aber auch nicht nur „psychopathisch“ oder nur „terroristisch“, was ihr Handeln jeweils rational erklärbar machen würde. Sie feierten ihr ganz persönliches und makabres „Todesfest“.

 

Baudrillard hat gesagt, der Tod lasse sich von der Produktion nicht aus dem Feld schlagen, Wo er am meisten verdrängt werde, komme er am fatalsten wieder.

 

Religiöse Selbstmordattentäter handeln vielleicht aus Überzeugungen, vielleicht auch mehr oder weniger im Zwang der Indoktrination, am Ende ausweglos. Aber in jedem Fall setzen auch sie ihren Tod in einem Spiel ein, in dem der Einsatz, wie jüngst vor dem Mandalay Bay Hotel, so hoch wie nur möglich getrieben werden soll: Es soll so viele Tote wie möglich geben.

 

Das Spiel mit dem Tod kann nur spielen, wer ihn auch einsetzt. Die zerfetzten Attentäter werden am Ende nur benutzt für politische Strategien. Ihnen war jedoch eingeredet worden, dass ihr Tod einen Wert habe. Einen solch außerordentlichen Wert, dass er mit alldem, was die moderne Produktion an Käuflichkeit aufbringt, nicht aufgewogen werden kann, und dass ihnen dafür ewige Jenseitigkeit gebühre. Das letztere ist wohl kaum zutreffend, das erstere aber schon, eben darum weil der Tod am Ende nicht käuflich ist, wenn es schon alles andere zu sein scheint.

 

Wenn das Leben bedeutungslos geworden ist, wenn es nichts mehr gibt, was Sinn enthält, außer einer religiös motivierten Gier nach Reinheit oder wenn ein eng gewordenes Ego alle anderen Wahrnehmungen ausgelöscht hat, ist die Gefahr groß, dass selbst gestaltete Tod ein finaler Weg in eine letzte gefühlte Souveränität darstellt. Das wäre der „klassische“ Suizid.

 

Wenn zusätzlich andere mit in den Tod gerissen werden sollen, erliegen die Akteure der Versuchung, die Opfer in ein makabres Todesfest zu zwingen, um mit ihnen den Einsatz für ihren symbolischen Hauptgewinn in die Höhe zu treiben. Leider spielen die Medien dabei mit. Sie müssen berichten, das weiß der Täter. Und auch hier erliegen die Berichterstatter nicht selten der Versuchung, das Ereignis zu einer makabren Aufführung zu machen.