Symptom Feminophobie. Überlegungen zu den Übergriffen in Köln und anderswo.

Wenn ein aufgeklärtes Denken das Geschlecht weniger als biologische sondern kulturelle (oder soziale oder politische oder psychologische) Tatsache begreift, dann besitzt es determinierende Funktionen und nicht determinierende Eigenschaften. Diese Funktionen lassen sich nur wechselseitig verstehen.

Pontiert gesprochen gestaltet die „Frau“ wesentlich den „Mann“ und der „Mann“ wesentlich die „Frau“. Die Geschlechter können sich kulturell nicht vollständig aus sich selbst heraus gestalten.

Mir ist bewusst, dass die jüngsten Ereignisse in Köln und anderswo von mehreren Faktoren bestimmt wurden. Von solchen des Zufalls, der besonderen Gelegenheit und einigen anderen dazu, wie etwa von der Entschlusslosigkeit der Polizei und der Annahme der Täter, dass sie straflos bleiben werden. Aber sie haben eine Debatte weiter transportiert, zu der ich mich von einem bestimmten Blickwinkel aus äußern möchte, da die Täter wie inzwischen feststeht, zum größten Teil aus nordafrikanischen Ländern stammt, in denen patriarchalische Verhältnisse herrschen und da man deshalb leicht dazu tendiert, das kriminelle und sexistische Verhalten, das die Betreffenden gezeigt haben als „fremd“ zu konnotieren, was meiner Ansicht nach nur zum Teil richtig ist. Die nachfolgenden Überlegungen wollen einen Beitrag zur Differenzierung leisten, wobei die Gedanken zum Begriff der Feminophobie über das aktuell Geschehene sicherlich weit hinaus greifen, gleichwohl gehören diese Gedanken dazu.

Als Feminophobie (i.e. Frauen-Hass, Angst vor Frauen) könnte man ein Verhalten bezeichnen, das Frauen entwertet, weil sie Frauen sind und als Frauen in Erscheinung treten. Und sie deshalb Angriffe, Verleumdungen, Zurücksetzungen erfahren lässt, die von Männern begangen werden. Feminophobie ist nicht einfach nur Chauvinismus oder Sexismus, sie ist symbolisch determiniert und will erkennbare Zeichen setzen. Zeichen, die die Natur des Weiblichen treffen, wie Säureattentate gegen unverschleierte Frauen, sexuelle Übergriffe mit entwürdigendem körperlichem Kontakt, Beschmutzung, öffentliche Beschämungen oder familiäre Gewalt, die mit physischen Verletzungen verbunden ist. Somit ist Feminophobie auch eng verbunden mit ähnlich agierender Homophobie, die auf die Erscheinung des Schwulen zielt und in erster Linie aus (männlicher) Angst vor „Verweichlichung“ entsteht.

Feminophobes (und homophobes) Verhalten, ausgestaltet in Exzessen, die teilweise bis zur Tötung von Frauen, zum Feminizid führen, nimmt weltweit zu. In Gottesstaaten, in Militärstaaten und Diktaturen muslimischer Prägung, in Autokratien mit „starken“ Führern, in hinduistisch geprägten Ländern wie in Indien oder christlich geprägten wie in Mexico, wo in der Region Juarez seit Jahren hundertfach systematisch organisierte Bandenmorde an Frauen begangen wurden, von denen die wenigsten aufgeklärt wurden. Weltweit nimmt auch der vorgeburtliche Feminizid zu, etwa in China oder in Indien, dies geschieht aber auch in anderen Ländern. Die „strategische“ sexuelle Gewalt gegen Frauen durch den IS, afrikanische Milizen und reguläre Armeen wie in Syrien ist quasi die Regel bei deren Kriegsführung geworden. Auch in Deutschland wurden und werden in einer klandestinen Parallelkultur sogenannte „Ehrenmorde“ begangen, die nichts anderes als Feminizide sind, mit denen die Familienehre (die zum größten Teil Männer-Ehre ist), wiederhergestellt werden soll. In vielen muslimisch geprägten Ländern ist der öffentliche Raum, vor allem nach Einbruch der Dunkelheit ausschließlich Männern vorbehalten. Frauen werden, wenn sie ihn betreten, gewaltsam sanktioniert. Die Übergriffe gegen Frauen auf dem Tahrir-Platz, mit denen der „Arabische Frühling“ endete, haben auch den Hintergrund, dass der politische Raum (wieder) ein männlicher zu sein habe. Last but not least zegt Pornografie, die medial international produziert und konsumiert wird, sehr oft feminophobe, erniedrigende Muster bis hin zu expliziter Gewaltanwendung.

Der Versuch einer Erklärung kann vielleicht zum besseren Verstehen führen und vielleicht sogar ein Beitrag zur Änderung sein. Meine Hypothese ist die, dass Feminophobie als exzessives „männliches“ Dominanzverhalten meistens einer Dysbalance der Geschlechterkultur entspringt, die durch rasche Änderungen einer festgeschriebenen Kultur entsteht, bei der gesellschaftliche Verwerfungen entstehen, durch die Männer verunsichert werden. Wenn Geschlechter als kulturelle Tatsachen wirken, ist ihre wesentliche Funktion systemisch gesehen die der Bindung. Nicht zu verwechseln mit Ebenbürtigkeit, aber zu sehen als gesellschaftlich stabilisierender Faktor. Das Geschlecht funktioniert aber auch als Reiz, als Herausforderung des jeweils anderen Geschlechts, das seine Bestätigung dadurch erfährt, das es auf die Herausforderung zu reagieren vermag, sonst gäbe es keine Erotik zwischen den Geschlchtern. Die Frau gestaltet den Mann und der Mann gestaltet die Frau. Dies aber nie in bloßer Harmonie, wie jedes Spiel Spannung braucht, damit es sich entfaltet. Mit anderen Worten: Der Stolz, eine Frau oder ein Mann zu sein, weil man so wahrgenommen wird, bedeutet nicht bloß eine statische Eigenschaft oder Tatsache, sondern wird als dynamische Herausforderung erlebt, auf die vom anderen Geschlecht regelkonform geantwortet wird. Dieses ständig ablaufende Spiel kann sozial konstituierend oder es kann destruktiv verlaufen, es kommt auf die Regeln an.

In traditionell strukturierten Kulturen, die sich mit religiösen und anderen symbolischen Mustern stabilisieren, ist der Medienkonsum eingebrochen wie eine Tsunami-Welle. Innerhalb eines Menschenlebens, eigentlich sogar innerhalb der kleinen Zeitspanne einer Jugendzeit hat eine permissive, nihilistische und sexualisierte Produktewelt jeden Winkel der Erde erreicht und konkurriert mit schnellen Bildern und virtueller Pseudorealität gegen überkommene Werte, deren Wesen und Gewicht oft darin besteht, dass sie über einen langen Zeitraum erworben werden wollen. Wer könnte einem solchen Einbruch widerstehen und - wer setzt etwas dagegen? Wer wagt es überhaupt, wer und was wäre stark genug dafür?

Weshalb kann es sein, dass Hunderte von angeheizten Männern, unter denen anteilig viele muslimisch sozialisierte Asylanten sind, in einer deutschen Großstadt gezielt Frauen angreifen, sexuell belästigen und bestehlen, obwohl die Genannten sich und ihren Leidensgenossen, die als Flüchtlinge in dem Land aufgenommen wurden, in dem sich das abspielt, damit nicht nur einen Bärendienst erweisen, sondern in geradezu bewusstloser Manier Gastfreundschaft und Anstand hinter sich lassen?

Eine der augenfälligsten Ursachen mag sein, dass Männer in Gruppen, junge Männer zumal, die sozial depriviert sind und einen massiven Verlust ihrer Selbstwirksamkeit erlitten haben, wie das bei Flüchtlingen der Fall ist, potenziell gefährlich sind, weil sie am empfindlichsten auf Zurücksetzungen reagieren. Das führt leicht zu kriminellen und gewalttätigen Handlungen, die ein kurzfristiges „Souveränitäts- erleben“ versprechen. Vor allem dort, wo die Gefahr, sanktioniert zu werden gering ist, weil die Akteure zu Recht wahrnehmen, dass sie wegen des Behördenversagens im Gastland nicht belangt werden können.

Wenn die These richtig wäre, dass feminophobes Verhalten dort auftritt, wo Männer schwach sind und wenn schwache Männer gefährlich sind, muss man sich um diese Männer kümmern. Ohne Frage vorrangig mit vermehrtem Polizeieinsatz zum Schutz der Frauen. Der Schutz der Frauen aber ist auch der Schutz der allermeisten Flüchtlinge und der Unentschiedenen unter den tatbereiten Männern, letztlich damit der Schutz der Männer vor sich selbst. Wenn die aktiven Täter gezielt gehindert und bestraft werden, wird die Grauzone des Möglichen und damit die Verdrängungszone dessen, was sich nicht gehört, schmaler. Es wird mehr von denen geben, die sagen: Nein, da mache ich nicht mit.

Integration kann nur in Schritten gelingen. Die integral gut gemeinte und vielleicht naive „Willkommenskultur“, die ein positives Signal setzte, hat einen Dämpfer bekommen. Wir sind aufgerufen, uns mit Ehrbegriffen zu befassen, die wir glauben, hinter uns gelassen zu haben. Ein Trost ist der ganz einfache und schlicht säkulare: Dass Mann und Frau in einer modernen und solidarischen Gesellschaft allgemeines Ansehen erwerben können, wenn sie Arbeit haben, Familien gründen und ihre Existenz selbstständig sichern.

Aber gewähren wir uns das eigentlich selbst?

Wir lassen zu, dass ganze Stadtviertel ins Prekariat gelangen und stehen zugunsten anderer politischer Präferenzen für die Zukunft unserer eigenen Kinder und Jugendlichen nur mit halber Kraft ein. Wir sehen dabei zu, wie die soziale Schere immer weiter aufgeht. Da können wir kaum wirksam für die Integration von Menschen sorgen, deren Verhalten und Werte uns fremd sind.

Das zu befürchtende Ergebnis aber wäre eine symmetrische Eskalation der gegenseitigen Entfremdung und eine Ghettoisierung wie in den Banlieus von Paris. Der Schaden wäre groß, selbst für diejenigen, die sich dem Prekariat kraft ihrer Vermögensverhältnisse entziehen können.

Exzessive Ehrbegriffe und Feminophopie sind kulturell bedingte Angstsymptome. Ohne Zweifel sind es gefährliche Symptome, aber sie sind heilbar in einer sozial orientierten solidarischen Zivilgesellschaft.

Ich empfehle weiterführend den Vortrag von Gert Krell:

Geschlechterverhältnisse – zwischen Gewalt und Frieden (anlässlich einer Gedenkveranstaltung für die Opfer der Hexenprozesse des Kurmainzischen Amtes Hofheim), gehalten am 27.4.2012.

http://.gert-krell.de/geschlechterverhältnisse.pdf