Opfer. Nicht geopfert.


Die folgenden Überlegungen setzen meine beiden vorangegangenen Essays „Der Kadaver Gottes“ und „Die Lieblinge des Midas“ fort, eine Diskussion also über archaische Symbolik und westliche Werte.

Dazu möchte ich den Begriff des „Opfers“ ins Spiel bringen. Weil ich - nicht zuletzt vor dem Hintergrund der jüngsten Bluttat in einer Pariser Zeitungsredaktion, bei der zwölf Menschen in einem vorgeblichen Racheakt getötet wurden - den Eindruck habe, dass solche religiös-fundamentalistische Gewalttaten in Form einer Opfertat vollzogen werden mit dem Versuch, Gewalthandlungen zu sakrifizieren. Entweder als „Racheakt“ oder als „Dienst“ an einem fundamentalistischen Kanon. Die Gewaltakte sollen als „Gottesdienst“ verstanden werden.

Diese Art Gottesdienst schafft nicht nur ein bestimmtes, dissoziativ anmutendes Selbstbild, er erzeugt auch eine starke Bindung der Fundamentalisten untereinander. Die Bluttat besiegelt ein Bündnis, ähnlich wie in der Mafia oder bei berüchtigten faschistischen Gilden der Vergangenheit oder bei terroristischen Gruppen wie der RAF. Der gemeinsam begangene Übertretungsakt wirkt als Zeichen des Auserwähltseins, im profanen wie im sakralen Feld.

Ich möchte bei meinen Überlegungen aber vor allem vom Begriff des „Opfers“ ausgehen und darlegen, dass das „Opfer“ in einer säkularen Gesellschaft eine wesentlich andere Bedeutung hat als im sakralen Feld und dass es nicht zuletzt diese Bedeutungsdifferenz ist, die missverständliche Wahrnehmungen erzeugt. Die Getöteten von Paris sind im gesellschaftlichen Sinne Opfer. Aber sie sind nicht und niemandem geopfert worden.

René Girard schreibt in seinem Buch „Das Heilige und die Gewalt“ über das archaische Opfer, dass es die ständig ausufernde Gewalt bindet, weil es den reziproken Ablauf von Gewalt und Rache beendet, indem es als letzte Gewalthandlung das vollzogene Opfer transzendiert. Für Girard steht dieses Opfer – das in einer Tötung oder mindestens einer Zerstörung besteht, als Gründungsgewalt (violence fondatrice) historisch am Anfang des Kults und damit am Beginn jeder Religion. Das Opfer ist das Heilige und das Verfluchte gleichzeitig, weil es die unreine Gewalt in "reine" verwandelt. Die Schuld des Geopferten erweist sich dadurch, dass der Akt der Opferung tatsächlich die Fortsetzung der Gewalt beendet. Das Heilige schließlich, die Gottheit, ist nichts anderes als die gebannte Gewalt. Die Religion hat die ursprüngliche Funktion, den ständig drohenden Rückfall in die gegenseitige Gewalt zu verhindern. Damit rückt das Opfer in der christlich-jüdischen Tradition in die Nähe der Erlösung, so wie Christus auch zum Erlöser wurde, indem er sich opferte.

Das Opfer im säkularen Staat ist verknüpft mit dem Gewaltmonopol. Opfer von Verbrechen dürfen auf Gerechtigkeit hoffen, eben weil sie „Opfer“ sind und nicht einfach Unglück erlitten haben und auch der Rechtsstaat hat die Aufgabe, die Spirale der Gewalt zu beenden. Opfer-geworden-Sein begründet nicht nur einen juristischen, sondern auch einen moralischen Anspruch. Opfer ist inzwischen ein gesellschaftlicher, kein religiöser Begriff mehr und die Kirchen integrieren das gesellschaftliche Opfer-Sein in ihre Werte, sie beteiligen sich in hohem Maße an der Opferfürsorge. Wie schwer sich Religionen dennoch mit einem säkularen Rechtsbegriff tun, kann man unter anderem daran erkennen, dass erst mit Papst Johannes XXIII die Anerkennung der Menschenrechte vorbehaltlos in die Kirche Eingang gefunden hat.

Der Dschihadismus hat eine archaisch-symbolische Parallelwelt etabliert, die den Rechtsstaat konterkariert und ihn gegen eine religiöse Hypermoral ausspielt. Die Symbolik dieser Parallelwelt wirkt offensichtlich anziehend, obwohl - oder gerade weil sie eine schrankenlose Grausamkeit predigt. Es ist nicht nur die Simplizität der Gedankenwelt, das Schwarz-Weiß-Denken, das die Welt in Gut und Böse aufteilt, nicht nur die medial inszenierte Kriegerromantik oder die geradezu kindischen Gottesvorstellungen, die von ihren Vertretern und Predigern propagiert werden, die Anziehung entsteht meiner Vermutung nach vor allem durch eine psychologische Operation, bei der durch Opferhandeln „Schuld“ in „Gabe“ umgewandelt werden soll und bei der natürlich auch die Verbote, die der Rechtsstaat setzt, in pseudosouveräner Manier überschritten werden.

Um aber Schuld zu verwandeln, bedarf es im Christlichen der „Gnade“. Deshalb kann diese Operation nicht von Menschen durchgeführt werden, zumindest sofern sie im Geiste der drei westlichen Buchreligionen erzogen wurden, zu denen auch der Islam gehört. Es braucht dazu einen Dritten, nämlich Gott und die Praxis des Opferns ist ein Tausch mit Gott.

Nun besteht eine der Voraussetzungen der Moderne darin, dass wir Gott nicht mehr finden, er steht nicht mehr zur Verfügung. Er mag tot sein oder fortgegangen, jedenfalls antwortet er nicht mehr auf ein Opfer, und ein Gott, der nicht auf ein Opfer antwortet, ist ein schwacher oder ein toter Gott. Er ist auch ein empfindlicher Gott, man darf ihn nicht verspotten, wie es die Mitarbeiter der Pariser Zeitschrift „Charlie Hebdo“ getan haben, die dafür liquidiert worden sind.

Ein toter oder abwesender Gott braucht aber desto mehr Bestätigung. Seine Jünger brauchen desto mehr Zusammenhalt und Sinnstiftung. Und dafür steht das Opfer, man kann es auch ohne die Antwort Gottes vollziehen und entsprechend kenntlich machen. Was geopfert werden soll, wird zerstört, unbrauchbar gemacht, getötet und damit sakrifiziert. Das Geopferte wird dem Zweck entzogen, die dazu erforderliche Operation ist destruktiv, sonst kann es nicht auf das Gebiet des Heiligen gelangen.

Damit eignet sich das Opfer auch als Praxis der Kulturkritik, denn der religiöse Fundamentalismus enthält auch eine (reichlich naive) Kritik des globalen Kapitalismus und seines Sittenverfalls, eine Kritik, deren intellektueller Gehalt gar nicht reflektiert werden muss, so lange die Opfer-Symbolik regiert. Der Bildersturm, der die Dschihadisten auf ihrem Weg begleitet, zerstört Kulturdenkmäler, die sie selbst nicht anerkennen, aber sie rechtfertigen ihn im Namen Gottes und vereinnahmen sie auf ihre Weise, ohne sie sich anzueignen, sie opfern sie. Je kostbarer, desto wirksamer das Opfer.

Die Dschihadisten opfern also. Sie opfern unentwegt, weil sie einem schwachen Gott opfern. Ob er antwortet, kann ich nicht sagen, weil ich nicht zu ihnen gehöre, aber ich glaube es nicht. Ich fürchte, dass es gerade sein Schweigen ist, das die Grausamkeit und die tödliche Gewalt seiner Jünger entfacht hat.Vielleicht ist die Schwäche dieses Gottes und seine Ungewissheit auch ein Grund für das Märtyrertum, zu dem seine Jünger neigen. Weil nichts so gewiss ist wie der Tod und auch der Tod des Märtyrers ist ein Opfer.

Die Geschichte lässt sich nicht zurück drehen. Und niemand kann für Gott sprechen. Aber die drei großen Religionen, die miteinander verwandt sind, sollten dringend über Gott ins Gespräch kommen. Denn diejenigen, die nach einem toten Gott suchen, werden kaum aufhören, sich und andere zu opfern. Nachdem er wohl nicht antworten wird, sind sie vielleicht dennoch zu erreichen, wenn die Antwort eine religiöse und nicht bloß eine politische ist. Es genügt nicht, sich zu distanzieren. Es braucht eine moderne Theologie mit einem öffentlich hörbaren Diskurs, vor allem im Islam, der religiös und politisch bei der Säkularisierung unterstützt werden sollte, die er notwendigerweise eingehen wird. Sonst droht ein Hase und Igel Mechanismus, bei dem politische Fragen religiös beantwortet werden sollen und religiöse Fragen politisch. Die Toten von Paris sind Opfer, aber man darf nicht zulassen, dass sie als Geopferte vereinnahmt werden können.


Mannheim, 11.1.2015