Lob des Dilettantismus

 

„Ist das Ihr Hobby?“ Wer diese Frage fürchtet, kennt das Problem.

Es gab einmal eine Zeitschrift namens „Hobby“. Sie erschien, eben habe ich nachgesehen, von 1953 bis 1991, also bemerkenswerte 38 Jahre lang, Untertitel: „Das Magazin der Technik“. Sie hatte ein kleines Format, nicht so klein wie „Readers Digest“, aber auch nicht so groß, dass sie im Regal des Hobbykellers (der vielleicht neben dem Partykeller lag) zu viel Platz weggenommen hätte. Auf dem einzigen Titelbild, an das ich mich erinnern kann, war ein Pfeife rauchender Mann abgebildet, der gerade einen Flieger aus Balsaholz zusammen leimte, daneben stand sein kleiner Sohn und schaute ihm zu. Der Inhalt von „Hobby“ befasste sich mit einer Menge verschiedener Dinge, die man selber machen konnte. Eine Männerzeitschrift aus vergangenen Tagen, die sich heute neben „Mens Health“ oder „Beef!“ ziemlich seltsam ausnehmen würde. Und der weit ausgreifende Untertitel „Magazin der Technik“ könnte nicht einmal annähernd fassen, was inzwischen alles an Technik anfällt in einem Männerleben.

Aber „Hobby“ ist noch immer ein Begriff. Ein ziemlich schwacher allerdings, der zum Beispiel gern in Kontaktanzeigen als Schublade für Interessen genutzt wird: Meine Hobbys sind Tiere, Kochen und Lesen.

Wer weiß, ob nicht auch der Hobbit ein Wesen ist, das seine Namensgebung dem „Hobby“ verdankt, das irgendwann erfunden wurde, um alles, was nicht als Arbeit durchgeht, ins Belanglose und Lächerliche zu schieben, und so eine Figur ist ja auch der Hobbit. Dafür spricht die Tatsache, dass der Profizauberer Gandalf ihn aus Verdunkelungsgründen zum Ringträger macht und seine Verwandtschaft dann aus demselben Motiv heraus in die Riege der Profikrieger unter der Leitung des Königsanwärters Aragorn aufnimmt.

Wir alle sind Profis oder zumindest Einsteiger. Anwender sind wir sowieso, denn der Hauptzweck des Daseins besteht entweder in Arbeit oder im (angewandten) Konsum - Arbeit und Konsum sind sich ja inzwischen beunruhigend ähnlich geworden. Der Konsum verlangt nämlich vom professionellen Anwender Fähigkeiten, die seine Freizeit weitgehend ausfüllen, manchmal ohne dass es ihm gelingt, den neu erworbenen Gegenstand fachgerecht zu bedienen. Carl Lagerfeld fällt mir dabei ein, der freimütig bekennt, dass er sein Smartphone ausschließlich dazu benutze, seine Katzen zu fotografieren, weil er alles andere daran nicht bedienen könne, die Telefonfunktion eingeschlossen, und auch keine Lust habe, es zu lernen. Carl Lagerfeld kann es sich leisten, so etwas öffentlich zu sagen. Ist er ein Dilettant? Schon, aber kein souveräner, eher ein gleichgültiger Dilettant, was schon gar nicht so schlecht ist. Zum echten Dandy fehlt ihm vielleicht noch die Gleichgültigkeit gegenüber den eigenen Geschäften.

Hobbys also. Hat man keine, wozu auch. Wer will schon Hobbys haben? Es bleibt neben Arbeit und Konsum ja kaum noch Zeit, im Internet das nächste Gerät, E-book, Ausstattungsstück zu ordern. Wie das geht, sagt einem die Seite des Verkäufers so zeitsparend und idiotensicher, dass auch der zitternde Finger des hinfälligsten Anwenders den Mauszeiger ins PayPal Feld hinein bringt. Der Anbieter weiß auch meistens schon, was man als nächstes brauchen könnte und macht zeitsparend einen entsprechenden Vorschlag, zusammen mit einem gezielt darauf abgestellten Gutschein für den Anwender.

Was beklage ich? Der Leser wird ja gemerkt haben, das dies hier (mal wieder) eine kulturpessimistische Klage werden soll. Das stimmt. Ich beklage die Ignoranz gegenüber dem Dilettantismus. Aber ich hoffe auch.

Dass man das ändern kann, hoffe ich. Es ist nämlich nicht schwer, es ist verblüffend einfach. Wenn jemand zum Beispiel fragt: „Schreiben ist also Ihr Hobby?“ Könnte man kontern: „Ist Sex Ihr Hobby? Oder machen Sie das professionell?“ Das wäre unverschämt, würde aber doch den Kern der Sache treffen. Professioneller Sex ist schließlich Prostitution und das wird zwar gemacht, aber man bekennt sich selten dazu.

Der Dilettant war einst kein Schimpfwort, so wie heute, wo er noch tiefer rangiert als der Hobbyist. Einst war der Dilettant jemand, der es nicht nötig hatte, zu arbeiten. Die Arbeiter, also die Profis von einst, das waren diejenigen, die nur ihrem Beruf zu dienen hatten. Jesus Christus wäre Zimmermann, Plato Hauslehrer, Nietzsche Philologe und Kafka Versicherungsangestellter geblieben, wenn sie sich nur für ihre Profession entschieden hätten. Eine Menge Leute waren und sind Dilettanten und waren oder sind auch noch stolz darauf.

Und es gibt, wie bereits gesagt, Hoffnung. Ich habe kürzlich im Rahmen des Mannheimer Fimfestivals einen Film über Afrika gesehen, in dem unter anderem die „Sapeurs“ in Brazzaville porträtiert wurden. Das sind Leute aus den Armenvierteln, die ihre gesamte Zeit damit verbringen, sich schick anzuziehen und durch die Straßen zu flanieren. Manchmal treffen sie sich und führen sich gegenseitig ihre Klamotten vor. Dazu rauchen sie dann dicke Zigarren, die sie aber nicht anzünden wenn sie bloß so herumlaufen, denn dafür würde ihr Budget vielleicht nicht ausreichen.

Einer von ihnen sagte, und das gefiel mir so gut - es ist quasi das Glaubensbekenntnis aller Dilettanten (Dandys, Flaneure) schlechthin. Er sagte:

„Es ist schwierig, sich richtig anzuziehen. Ich verbringe Tage und Nächte damit, nachzudenken, was ich anziehen soll. Wenn ich mich für eine Krawatte entschieden habe, entschuldige ich mich bei denen, die ich nicht anziehe. Schönheit ist eine ernste Sache. Wir Sapeurs sind dafür da, dass man uns anschaut. Man sieht uns und - Voilà, man ist glücklich.“


Mannheim, 18.11.14