Geld und Sex. Sex und Geld. Der Ameisenstaat.

 

Biologismen, ich weiß. Dennoch – die Ameisen haben einen Staat, sie haben vielleicht sogar eine Gesellschaft. Wahrscheinlich besitzen sie nur sehr wenig Individualität und dennoch stirbt jede für sich allein. Das ist nicht nur eine Floskel, sondern ein Teil ihrer Ökonomie. Sie ist zyklisch, nicht linear ausgelegt, wie die unsere. Wenn die Erfindung der Arbeit ein Aufschub des Todes ist (um Hegels Gleichnis abzukürzen), dann ist Geld die zeitliche Voraussetzung dafür, deswegen kann man nie genug Geld haben, der Abstand zum Tod kann nie groß genug sein. Die Ameisen brauchen kein Geld. Sie erkennen wahrscheinlich auch nur sehr wenig Zeit. Sie arbeiten, arbeiten sie? und wissen nicht, dass sie arbeiten. Jedenfalls leben ihre Staaten schon seit 130 Millionen Jahren auf ihre Weise und das ist eine ziemlich lange Zeit.

Ich möchte nicht als Ameise leben (um das klar zu sagen), ich möchte auch keinen Staat nach dem Vorbild der Ameisen. Aber ich habe Respekt vor ihnen. Wer jemals von wütenden Waldameisen attackiert wurde, weiß, wovon ich rede. An dieser Stelle könnte ich passenderweise noch ihren „Altruismus“ einfügen. Ameisen gehen ohne zu zögern in den Tod wie Dschihadisten. Das nütze, sagt der Darwinist, der Erhaltung ihrer Art. Mag sein, aber das ist eine reichlich banale Kausalität, sie gilt für Dschihadisten genau so wie für Ameisen.

Hier soll es nicht darum gehen, einen Nutzen im Sozialverhalten der Ameisen zu finden. Es geht um die Poesie der Analogien, was aus diesem Essay eigentlich eine Glosse macht. Es geht um Sex und Geld. Die These ist, dass Sex und Geld auf ähnliche Weise wirken. Daher die Wendung im Titel: Geld und Sex/ Sex und Geld.

Fangen wir an beim Sex. Jeder weiß, dass man Sex kaufen kann, man kann Geld gegen Sex tauschen und umgekehrt. Man kann auch für Geld einen Regenwurm essen, aber das passiert wesentlich seltener als der Tausch von Geld gegen Sex. Die Referenz für Sex ist der Körper und da die Körper ziemlich austauschbar sind, ist Sex ein universelles Zeichen. Wollte man seinen Wert einschätzen, käme man zu einer Skala von sehr wenig bis ziemlich viel, analog des jeweils geltenden Bruttosozialprodukts, was man daran sehen kann, dass an den Kanten des Währungsgefälles immer viel Sex verkauft wird, zum Beispiel an der tschechischen Grenze.

Zu diesem Punkt könnte man noch eine Menge ausführen, das Gesagte soll aber nur zur Einstimmung dienen, nun möchte ich wieder zu den Ameisen wechseln und zu ihrem Staat.

Der enthält alles, was auch ein totalitäres Gemeinwesen zu bieten hat. Eine zentrale Regierung, Werktätige, Arbeitsteilung, organisierte Pflege der Nachkommenschaft, kontrollierten Anbau von Nahrungsmitteln, Straßenbau, Hoch- und Tiefbau, Wasserbautechniken. Militär, organisierten Krieg, Sklaverei (Aufstände kommen vor), Quarantäne, Friedhöfe, soziale Selektion nach Verwendbarkeit und Alter. Dazu ein phänomenal schnelles Nachrichtenwesen (bestehend aus Pheromonen), das in kürzester Zeit alle – wie soll man sie nennen: Untertanen? nicht bloß informiert, sondern auch instruiert, und zwar so effizient, dass Biosystemiker den Ameisenstaat gern als Gesamtorganismus ansehen und die einzelnen Ameisen als seine Zellen. Die Ameisen sind sozusagen dauernd online und entwickeln dadurch eine solche adaptive Flexibilität, dass man nur staunen kann.

Halt, der Sex. Ja, richtig, der Sex. Was hat der damit zu tun?

Eigentlich hat bei den Ameisen alles damit zu tun. Sie werden von einer Königin regiert, die als einzige Sex haben darf. Sie stammt aus den Reihen der ihren, sie hat ihren Schwestern lediglich das Privileg einer besonderen Diät voraus, die sie ihr Königinnenpotenzial entfalten ließ. Die Schwestern bleiben im Aschenputtelstatus. Sie kommen gar nicht in Kontakt mit männlichen Ameisen. Die werden nur zur Zeugung im sogenannten Hochzeitsflug gebraucht und der ereignet sich irgendwo außerhalb der Ameisenburg. Danach gehen die männlichen Ameisen zugrunde, beziehungsweise werden sie ohne Gnade getötet, wenn sie erwischt werden. Der Ameisenstaat ist ein echtes Matriarchat. Kommt mal eine Königin um, wird eine neue aufgezogen. Wenn aber Arbeiterinnen einmal Eier legen (das kommt vor), werden die Eier umgehend der Königin vorgelegt und gefressen. Die weiblichen Arbeiterinnen verharren in einer Art Dauer-Freezing ihrer Fortpflanzungsfähigkeit zum Wohle des Gemeinwesens. Was treibt sie dazu an, sich für die Interessen des Staates buchstäblich zu Tode zu schuften? Wieso reagieren sie auf die Pheromonbotschaften der Königin so zuverlässig, welcher Reiz treibt sie an?

Die Hoffnung auf Sex.

Bei allen Insekten (im Übrigen auch bei den meisten anderen Lebewesen) werden sexuelle Reize über Pheromone vermittelt. Bei den Insekten aber stellt dieses Duft-Kommunikationssystem die wesentliche Form für alle Nachrichten dar, besonders für Sex. Nachtfalter können die Herkunft von ein paar Molekülen weiblichen Duftstoffs über Kilometerdistanzen hinweg zuverlässig orten. Und die Pheromonkommunikation der Ameisen vermittelt quasi-sexuelle Botschaften, die aber nicht dazu führen, dass Sex praktiziert werden kann, sondern dass Handlungen ausgeführt werden, die dem Staat dienen.

Jetzt müsste eigentlich schon klar werden, worauf ich hinaus will.

Zurück zum Geld. Seit der Antike entwickelte es sich vom Silberstück zum Draufbeißen zu einem Versprechen im Geldbeutel. Inzwischen hat es sich zu einer globalen Blase aufgebläht, die nur noch zu einem Bruchteil von Wertschöpfung gedeckt wird. Wenn Lohn und Arbeit miteinander verbunden werden, geschieht das angeblich durch das Zeichen, das Geld darstellt. Weil das Geld aber inzwischen alle Zeichen miteinander verbinden kann, ist es nicht mehr referentiell, wie ehedem das Silberstück, das man nach dem Draufbeißen auch noch wiegen konnte. Es hat sich gelöst von jeder Referenz und ist spätenstens seit der Globalisierung der Märkte selbstreferentiell geworden. Damit ist es ein Reiz an sich, der alles anzutreiben vermag, ohne dass eine direkte Referenz, eine Bedeutung, eine Erklärung dafür vonnöten wäre.

Damit gleicht es: Dem Sex.

Die Ameisen, um wieder zu ihnen zurückzukehren, haben das Geld nie erfunden. Sie brauchen es nicht, sie sind ökonomisch in gewissem Sinne weiter. Das Geld, das auch dem Arbeiter Freiheit verspricht, würde ihnen nichts nützen, weil sie die Freiheit nicht brauchen. Sie setzen den Sex dort ein, wo wir das Geld einsetzen: Als Versprechen, das nicht erfüllt wird. Sie können sich den pheromonalen Dauerbotschaften, die auf sie eintrommeln nicht entziehen, Botschaften, die alle Varianten der Aussicht auf Sex sind.

Das Versprechen des Geldes, die gespeicherte Arbeit darin, die Symbolik des aufgeschobenen Todes weckt eine menschliche Gier, die sonst nur an einer Stelle vorkommt, beim Sex. Vielleicht fällt uns deshalb das Teilen beim Geld genau so schwer, wie beim Sex. Inzwischen ist die Verarmung der Weltbevölkerung so weit fortgeschritten, dass laut neuester Oxfam-Studie im Jahr 2016 ein Prozent der Bewohner des Planeten über mehr Vermögen verfügen wird, als die restlichen neunundneunzig Prozent. Ein Großteil der Weltbevölkerung muss schon jetzt mit weniger als einem Dollar am Tag zurecht kommen, und dort, wo die Teilhabe an der Geld-Ökonomie nicht besteht, herrschen tödliche Verhältnisse, die jenseits aller Humanität liegen.

Aber in der globalen Welt ist der soziale Vertrag nicht vorgesehen. Statt dessen akkumulieren die Reichen das Geld wie die Ameisenkönigin das Sperma sammelt, das sie auf ihrem Hochzeitsflug ergattern konnte. Da die globale Welt dazu noch sehr schlecht organisiert ist (viel schlechter als ein Ameisenstaat), gelangen viele erst gar nicht zur Arbeit und damit zu der Chance auf ein bisschen Geld. Sie gelangen nicht einmal zur Nahrung, denn auf ihren Feldern herrscht der Krieg um Ressourcen, der natürlich wieder vom Profit getrieben wird. Sie ertrinken, verhungern und gehen auf Schlachtfeldern zurunde auf denen ohne absehbares Ende gekämpft wird um die Teilhabe an der flottierenden Blase Geld. Der Zynismus der globalen Ökonomie ist, dass auch sie mit dem Tod operiert, der diejenigen auslöscht, für die die Teilhabe am Geld, der Aufschub des Todes, nicht möglich ist, obwohl es an ihnen vorbei fließt in den Kanälen der medialen Netze.

Im Unterschied zu früheren Zeiten erreicht das Netz inzwischen alle Bewohner der Erde, selbst die, die nichts zu arbeiten und kaum zu essen haben. Das Netz ist genau so schnell und effektiv wie die Pheromonsender der Ameisen, von denen man ausgerechet hat, dass seine molekulare Kapazität dazu reicht, den Erdball viele Male zu umspannen, und damit den Glasfaserkabeln Konkurrenz machen könnte, die die Datenströme noch in die hinterste Hütte lenken. Den Armen hilft das nicht, aber es lässt sie stillhalten. Denn da muss es ja etwas geben, etwas, an dem vielleicht eine Teilhabe möglich sein könnte.

Ich habe einmal der Versuchung nicht widerstehen können, einen Termitengang zu stören. Einen von hunderten, die an einem tropischen Baum entlang liefen wie Geäder an der Tatze eines Dinosauriers. Mit meinem Schlüssel stieß ich ein Loch hinein und sah durch die Öffnung in den hohlen Gang hinein, wo die Termiten zu ihren Geschäften unterwegs waren. Ordentlich in zwei Richtungen, auf der anderen Spur wuselte der Gegenverkehr. Sofort scherten ein paar aus, um das Loch zu reparieren. Sie haben es in fünf Minuten wieder zu gehabt, ohne dass der Verkehr groß gestört worden wären. Neben den Arbeiterinnen erschienen am Rand des Loches auch ein paar Soldaten mit ihren langen Greifzangen und guckten nach, ob es was für sie zu tun gäbe. Weil ich mich friedlich verhalten habe, haben sie sich wieder verzogen.

Ich glaube nicht an die Evolution. Ich glaube, dass sich das Leben ausbreitet und organisiert wie ein Ornament, bei dem die Formen spielen und sich ähneln können. Es handelt sich kaum um eine Entwicklung, da müsste man fragen: wohin? sondern um eine Entfaltung, die wir seit wenigen Jahren beschleunigen können, ohne dass wir in der Lage wären, zu bremsen. Möglicherweise sind wir dabei, uns selbst zu zerstören, was unter kosmischen Gesichtspunkten vielleicht schon zig Mal irgendwo stattgefunden hat, und vielleicht der Preis dafür ist, dass das Leben intelligent wird, wenn man das Intelligenz nennen möchte.

Die „Intelligenz“ der Ameisen und ihr „Staat“ jedenfalls sind eine menschliche Projektion. Sie sind was sie sind. Aber ich habe Respekt vor dem Tier und seinen Errungenschaften und misstraue der Grenze, die wir ihm setzen, sie scheint mir eine hilflose Unterscheidung.

 

Mannheim, 16.2.2015