Die Lieblinge des Midas. Zur Alchemie mit der Schuld.


„Die Lieblinge des Midas“ nennt sich eine geheimnisvolle terroristische Gruppe in einer Erzählung von Jack London, die reiche Magnaten mit der Drohung erpresst, einen Unbeteiligten zu töten, wenn ihre Forderung nicht erfüllt wird.

Midas war der antike König, der von den Göttern die Fähigkeit erbat, alles, was er berührte, zu Gold machen zu können. Allerdings lässt der Mythos den gierigen König bald dem Hungertod nahe kommen, weil man Gold bekanntlich nicht essen kann.

Die Idee aber blieb faszinierend. Nicht wenige Alchemisten haben versucht, den Stein der Weisen herzustellen, mit dem man die ersehnte Verwandlung zuwege bringen und Stein zu Gold machen konnte. Schon damals ein genialer Trick und ein gutes Geschäft für Betrüger. Stein gegen Gold. Ohne Zweifel ein guter Tausch.


Alles, was lebt, befindet sich im Tausch. Leben wäre ohne Assimilation von Stoffen, ohne Zerstörung anderer Formen nicht denkbar. Wir haben dem soziale Systeme hinzugefügt, die Sicherheit garantieren sollen, es sind die Formen, die Kultur entstehen ließen, darin die Technik, die Poesie und den Krieg. Diese Formen werden von moralischen Regeln gestaltet, deren vielleicht wichtigste die Konstruktion von Schuld ist. Schuld, Scham, Verantwortung wirken weltweit. Man kann annehmen, dass sie allgemein menschlich sind. Schuld ist das Ergebnis eines unvollständigen Tauschvorgangs: Ich habe mehr genommen, als mir zustand oder nicht gegeben, was ich zu geben hatte.

Was aber eigentlich „im Tausch getauscht wird“, lässt sich so leicht nicht erfassen, da das eigentliche Agens des Tauschens nicht die getauschten Güter sind. Was den Tausch antreibt, ist etwas Verborgenes, was nicht fassbar ist, es ist unter anderem gerade der Umstand, dass der vollständige Tausch gar nicht wirklich angestrebt wird. Das „Geschäft“, in dem die Geschäftspartner ohne Rest auseinandergehen, ist eine Illusion. Was den Tausch wirklich antreibt, ist die Chance, die er eröffnet, vielleicht kann man sie auch Macht nennen, Kontrolle. Aber jenseit dessen steckt noch etwas Tieferes darin. In dem Moment, in dem das Spiel sich zum Tausch hinwendet, ereignet sich etwas, was wir nicht kontrollieren können.

Man kann es die „Gabe“ nennen. Ohne die „Gabe“ wäre der Tausch nur ein Geschäft. Aber er ist auch mehr, denn die „Gabe“ taucht immer dann auf, wenn Bindung eine Rolle spielt (wann spielt sie keine Rolle?): Wenn ich nehme, dann weißt du auch, dass ich genommen habe. Du durftest mir geben, ich durfte mir nehmen: Wir beide haben das möglich gemacht und dabei erschien die „Gabe“, es war ein guter Tausch.

Selbst das „reine Geschäft“ noch wollen wir personalisieren. Wir wollen wahr genommen werden als Handelnde oder versteckt bleiben, um der Beschämung oder der Schuld zu entgehen. Der erzielte Gewinn, auch wenn es ein Betrug gewesen ist, weist aus, dass wir in einem unserer Spiele gewonnen haben. Der reine Mehrwert bliebe für sich genommen eine langweilige Angelegenheit.


Die Gabe also. Man kann sie nicht aufheben, man kann sie nicht kaufen, man kann sie auch nicht verdienen: Man gibt, was man nicht hat, und man bekommt, was man nicht verdient hat, das ist die Gabe. Vielleicht kann man sie auch „das Glück“ nennen.

Weil die Gabe so schwer zu fassen ist, tritt sie von Beginn an auf in Begleitung ihrer dunklen Schwester, der Schuld. Wenn die Gabe im Ereignis erscheint, im Hier und Jetzt, dann bleibt die Schuld in der Vergangenheit. Schuld und Gabe lösen sich ab wie Sonne und Mond.

Schuld kann nur festgestellt werden im Rahmen einer Moral, die das bereits Geschehene bewertet und den Schuldigen benennt. Wer schuldig geworden ist, muss seine Überschreitung büßen, muss ausgleichen, bezahlen, er muss die Schuld tragen, damit alle anderen weiter in Sicherheit leben können. Selbst ein amtierender Präsident kann vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zitiert werden. Ohne Schuld kein Gesetz. Je nach Kultur unter dem Diktat eines „Gewissens“, wie in den westlichen Schuldkulturen oder durch Ächtung seitens der Umgebung, wie in den östlichen Schamkulturen. Ohne Schuld keine Kultur. Schuld ist die zeitliche Form der zeitlosen Gabe.


Die Lieblinge des Midas wollen Schuld in Gabe verwandeln, Stein in Gold, und es soll so rasch gehen wie bei einer Berührung. Man soll staunen können darüber, wie schnell es geht und wie einfach es ist. Ein Trick, der aus der Gier entspringt, wie einst bei Midas, und der medial um so wirksamer ist, je schneller und je omnipräsenter die Medien sind. Schuld kann zu einem Potenzial werden, das um so wertvoller wird, je schwerer die Überschreitung wiegt. Und die Lieblinge des Midas folgen alle einer altruistisch anmutenden Moral, die ihr Handeln rechtfertigt. Sie tun so, als würden sie geben, wenn sie nehmen.

Erst der mit Blut getränkte Boden ist der wahre Boden. Der Opfertod ist der wahre Tod. Was die entsetzte Umgebung noch als Schuld sieht, soll, während es geschieht und unter Ausrufung frommer Sprüche gefilmt wird, in einen verdienstvollen Akt verwandelt werden, getragen von der Behauptung, man diene damit einem Gott. Für einen Gott morden (wie die Dschihadisten), dem wahren Sozialismus dienen (wie die Schlächter Pol Pots) oder der Volksgesundheit (wie die Nationalsozialisten). Das Verbrechen ist kein Verbrechen mehr, es wird ein außerordentliches Ereignis im Prozess der Weltverbesserung.

Der Faschismus und der Dschihadismus verführen mit der Verwandlung von Schuld und mit dem simultan gelieferten Ereignis, das uns heute medial so nahe kommt wie nie zuvor. Denn im Ereignis erwarten wir doch seit jeher die Gabe oder das Glück und bekommen statt dessen ständig Werbung für Baumärkte oder Kleinwagen.

Eltern, Erzieher, Lehrer, in Behörden Tätige, viele, die in dem Glauben arbeiten und leben, der Welt etwas geben zu können, haben es schwer. Sie müssen einen langen, mühsamen Weg gehen. Der Glanz des Goldes ist ihnen nicht zu eigen. Sie müssen bauen, sie können nicht viel verwandeln.

„Take me to the Land of Jihad“ ist eine Webekampagne geworden und anscheinend auch eine Art Jugendbewegung. „I love al-Quaida“, mit einem Herzchen auf dem „i“ ist kein Bekenntnis, es ist bloß cool.

Man berührt den Stein und die Verwandlung geschieht. Ein Wunder muss schnell gehen und kann nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Die Lieblinge des Midas benutzen dazu Gewehre, Messer oder Gas, inzwischen auch ihr Smartphone. Sie versuchen, mit einem Trick zu verwandeln, was Schuld ist und bleibt.


Meinrad Braun, 13.10.2014