Der Kadaver Gottes. Dschihadismus und westliche Werte.



Der Dschihadismus hat Konjunktur. In den letzten drei Jahren sind nach Recherchen des New Yorker Soufan Instituts 12 000 junge Männer, ein Viertel von ihnen aus westlichen Ländern, in den heiligen Krieg gezogen, die meisten zog es zur IS-Miliz. Sie werden nicht davon abgehalten, dass in abstoßenden Videobotschaften Geiseln enthauptet werden, dass die vorrückende Front der selbst ernannten Gotteskrieger Greuel begeht, die an mittelalterliche Formen der Verbreitung von Schrecken erinnern, im Gegenteil, sie werden davon fasziniert. Auch die Lehren der Geschichte hemmen sie nicht. Schon gar nicht die Ermahnungen ihrer Eltern oder Freunde, die ihnen mit einigem Recht zu vermitteln suchen, dass sie als Kanonenfutter enden werden.

Will man das verstehen, dann sollte man den Islam und die religiösen Zeichen, die von dort entliehen – soll man sagen: entwendet? werden, nicht voreilig mit dem in Verbindung bringen, was dort geschieht. Schon, um nicht einem „Kampf der Kulturen“ Vorschub zu leisten, den die Dschihadisten als erste propagieren wollen.

Meiner Ansicht nach zeigt das Geschehen und seine psychologische Anziehungskraft auf junge Männer eine der sich fortsetzenden Krisen des Nihilismus, die Nietzsche schon hellsichtig vorausgesagt hat. Wenn Gott getötet wurde, droht das Nichts. Aber nicht als Vakuum, sondern als eine Krise der Formen, in denen gelebt wird. Als Krise des Symbolischen, das inzwischen endgültig überholt worden ist von einer Ökonomie, die in der Lage ist, alles in sogenannte „Werte“ zu verwandeln. Einer kurzsichtigen Ökonomie, die sich mit den Idealen von „Humanismus“ oder „Freiheit“ tarnt, die aber gleichzeitig den Händen des „Individuums“, das sie ebenfalls ständig propagiert, längst entglitten ist und ihre zerstörerische und menschenverachtende Dynamik scheinbar ungehindert entfaltet. Das geschieht in einem großen Spiel, das alle anspricht, dem Spiel um Profit und Gewinn, um „Teilhabe“ in Form von Versprechungen, von Optionen. Der Option überall sein zu können, alles zu sehen, immer zu kommunizieren und sich dabei immer käuflicher machen zu müssen.

Der Überdruss, der Ekel vor solchen leeren Versprechungen können nicht ständig durch Konsum übergangen werden.

Besonders, wenn man jung ist, empfindet man Ekel vor Lügen und man hat den Wunsch nach Wahrheit, nach etwas Greifbarem jenseits aller Betrugsmanöver, die man meint, durchschaut zu haben. Man neigt zur Radikalität, die Zeichen mit Wahrheiten verwechselt. Wer jung ist, spürt aber auch, dass die Inseln des Symbolischen, das auch das Persönliche, Souveräne bildet, zusehends kleiner werden: Familie, Freundschaft, Liebe, das eigene Mitgefühl müssten verteidigt und geschützt werden gegen den Ausverkauf in Medienportalen und Privatsendern, wo echt aussehende Tränen die Zuschauer ein paar Sekunden lang davon abhalten, weiter zu zappen zu anderen Tatorten. Zudem wird öffentlich eine peinliche Pseudomoral verhandelt, wie etwa die gegenwärtige Idee, man müsse per Gesetz Kinder davor in Schutz nehmen, dass von ihnen Bilder gemacht werden, die anschließend von Experten als sexistisch ausgelegt werden könnten. Während das Internet geradezu platzt vor den abseitigsten pornografischen Widerlichkeiten, die für jedermann (auch für diese Kinder) zugänglich sind.


Der tote Gott, hat Jean Baudrillard einmal gesagt, behält seine Faszination. Sein „Kadaver“ übt eine ganz andere Wirkung aus als der lebende Gott, der in einer Beziehung zu denen steht, die ihn anbeten und ihm opfern. Mit einem Kadaver kann man sich nicht mehr austauschen, aber man kann ihn sehr wohl verehren. Die Dschihadisten des Islamischen Staates stehen in keiner lebendigen Beziehung zu Gott, sie verehren seinen Kadaver. Sie wüten mit Inszenierungen, die aus einem Comic oder einem Videospiel entliehen sein könnte, wären sie nicht so real brutal. Aber sie wüten nicht im Namen des lebendigen Islam.

Es mag notwendig sein, die Opfer mit Hilfe von Gewalt zu schützen. Aber man sollte sich im Klaren sein, dass denjenigen, die den „Kadaver Gottes“ erbeutet haben, jedesOpfer recht ist. Das Opfer der „Ungläubigen“ oder der Tod der Dschihadisten selbst, den sie bereitwillig ins Spiel bringen, um den Einsatz zu erhöhen. Jede Form der Gewalt wird Öl auf das Feuer, das vor diesem Kadaver entzündet worden ist. Wenn die westlichen Mächte auf Provokationen mit Waffengewalt anworten, wird auch das zum Teil eines pervertierten Gottesdienstes funktionalisiert.

Es ist notwendig, dass diejenigen, die (noch) in einer lebendigen Beziehung zu Gott stehen, die Muslime, aber auch die Christen und die Juden, sich von solchen Barbaren distanzieren, die mit einem toten Gott zu spielen suchen.Die Abwesenheit Gottes, sagt Octavio Paz, ist so ewig wie seine Anwesenheit, man ist mit ihr konfrontiert, man wird sie nicht los.

Das perfide Kalkül der Dschihadisten, ihren Rausch der Gewalt zu einer Angelegenheit Gottes zu machen, können wir nicht allein an weltliche Mächte delegieren. Da fehlt etwas. Es wird wohl so ausgehen wie mit der Schlange, der die Köpfe nachwachsen, die man ihr abschlägt.

Gott mag tot sein, das müssen wir anerkennen, wenn wir uns entscheiden, Atheisten sein zu wollen, aber es gibt kein leeres Grab. Wenn wir nicht zulassen möchten, dass seinem Kadaver geopfert wird, müssen wir die schwindende Symbolik des Lebens wieder herstellen, die nicht weniger in Gefahr geraten ist als die Ozonhülle oder das Klima des Planeten. Das ist nicht delegierbar, jeder Einzelne von uns befindet sich im Spiel.


Meinrad Braun, 26.9.2014




 

 



 Der Kadaver Gottes. Dschihadismus und westliche Werte.



Der Dschihadismus hat Konjunktur. In den letzten drei Jahren sind nach Recherchen des New Yorker Soufan Instituts 12 000 junge Männer, ein Viertel von ihnen aus westlichen Ländern, in den heiligen Krieg gezogen, die meisten zog es zur IS-Miliz. Sie werden nicht davon abgehalten, dass in abstoßenden Videobotschaften Geiseln enthauptet werden, dass die vorrückende Front der selbst ernannten Gotteskrieger Greuel begeht, die an mittelalterliche Formen der Verbreitung von Schrecken erinnern, im Gegenteil, sie werden davon fasziniert. Auch die Lehren der Geschichte hemmen sie nicht. Schon gar nicht die Ermahnungen ihrer Eltern oder Freunde, die ihnen mit einigem Recht zu vermitteln suchen, dass sie als Kanonenfutter enden werden.

Will man das verstehen, dann sollte man den Islam und die religiösen Zeichen, die von dort entliehen – soll man sagen: entwendet? werden, nicht voreilig mit dem in Verbindung bringen, was dort geschieht. Schon, um nicht einem „Kampf der Kulturen“ Vorschub zu leisten, den die Dschihadisten als erste propagieren wollen.

Meiner Ansicht nach zeigt das Geschehen und seine psychologische Anziehungskraft auf junge Männer eine der sich fortsetzenden Krisen des Nihilismus, die Nietzsche schon hellsichtig vorausgesagt hat. Wenn Gott getötet wurde, droht das Nichts. Aber nicht als Vakuum, sondern als eine Krise der Formen, in denen gelebt wird. Als Krise des Symbolischen, das inzwischen endgültig überholt worden ist von einer Ökonomie, die in der Lage ist, alles in sogenannte „Werte“ zu verwandeln. Einer kurzsichtigen Ökonomie, die sich mit den Idealen von „Humanismus“ oder „Freiheit“ tarnt, die aber gleichzeitig den Händen des „Individuums“, das sie ebenfalls ständig propagiert, längst entglitten ist und ihre zerstörerische und menschenverachtende Dynamik scheinbar ungehindert entfaltet. Das geschieht in einem großen Spiel, das alle anspricht, dem Spiel um Profit und Gewinn, um „Teilhabe“ in Form von Versprechungen, von Optionen. Der Option überall sein zu können, alles zu sehen, immer zu kommunizieren und sich dabei immer käuflicher machen zu müssen.

Der Überdruss, der Ekel vor solchen leeren Versprechungen können nicht ständig durch Konsum übergangen werden.

Besonders, wenn man jung ist, empfindet man Ekel vor Lügen und man hat den Wunsch nach Wahrheit, nach etwas Greifbarem jenseits aller Betrugsmanöver, die man meint, durchschaut zu haben. Man neigt zur Radikalität, die Zeichen mit Wahrheiten verwechselt. Wer jung ist, spürt aber auch, dass die Inseln des Symbolischen, das auch das Persönliche, Souveräne bildet, zusehends kleiner werden: Familie, Freundschaft, Liebe, das eigene Mitgefühl müssten verteidigt und geschützt werden gegen den Ausverkauf in Medienportalen und Privatsendern, wo echt aussehende Tränen die Zuschauer ein paar Sekunden lang davon abhalten, weiter zu zappen zu anderen Tatorten. Zudem wird öffentlich eine peinliche Pseudomoral verhandelt, wie etwa die gegenwärtige Idee, man müsse per Gesetz Kinder davor in Schutz nehmen, dass von ihnen Bilder gemacht werden, die anschließend von Experten als sexistisch ausgelegt werden könnten. Während das Internet geradezu platzt vor den abseitigsten pornografischen Widerlichkeiten, die für jedermann (auch für diese Kinder) zugänglich sind.


Der tote Gott, hat Jean Baudrillard einmal gesagt, behält seine Faszination. Sein „Kadaver“ übt eine ganz andere Wirkung aus als der lebende Gott, der in einer Beziehung zu denen steht, die ihn anbeten und ihm opfern. Mit einem Kadaver kann man sich nicht mehr austauschen, aber man kann ihn sehr wohl verehren. Die Dschihadisten des Islamischen Staates stehen in keiner lebendigen Beziehung zu Gott, sie verehren seinen Kadaver. Sie wüten mit Inszenierungen, die aus einem Comic oder einem Videospiel entliehen sein könnte, wären sie nicht so real brutal. Aber sie wüten nicht im Namen des lebendigen Islam.

Es mag notwendig sein, die Opfer mit Hilfe von Gewalt zu schützen. Aber man sollte sich im Klaren sein, dass denjenigen, die den „Kadaver Gottes“ erbeutet haben, jedesOpfer recht ist. Das Opfer der „Ungläubigen“ oder der Tod der Dschihadisten selbst, den sie bereitwillig ins Spiel bringen, um den Einsatz zu erhöhen. Jede Form der Gewalt wird Öl auf das Feuer, das vor diesem Kadaver entzündet worden ist. Wenn die westlichen Mächte auf Provokationen mit Waffengewalt anworten, wird auch das zum Teil eines pervertierten Gottesdienstes funktionalisiert.

Es ist notwendig, dass diejenigen, die (noch) in einer lebendigen Beziehung zu Gott stehen, die Muslime, aber auch die Christen und die Juden, sich von solchen Barbaren distanzieren, die mit einem toten Gott zu spielen suchen.Die Abwesenheit Gottes, sagt Octavio Paz, ist so ewig wie seine Anwesenheit, man ist mit ihr konfrontiert, man wird sie nicht los.

Das perfide Kalkül der Dschihadisten, ihren Rausch der Gewalt zu einer Angelegenheit Gottes zu machen, können wir nicht allein an weltliche Mächte delegieren. Da fehlt etwas. Es wird wohl so ausgehen wie mit der Schlange, der die Köpfe nachwachsen, die man ihr abschlägt.

Gott mag tot sein, das müssen wir anerkennen, wenn wir uns entscheiden, Atheisten sein zu wollen, aber es gibt kein leeres Grab. Wenn wir nicht zulassen möchten, dass seinem Kadaver geopfert wird, müssen wir die schwindende Symbolik des Lebens wieder herstellen, die nicht weniger in Gefahr geraten ist als die Ozonhülle oder das Klima des Planeten. Das ist nicht delegierbar, jeder Einzelne von uns befindet sich im Spiel.


Meinrad Braun, 26.9.2014