Der Bock als Gärtner

 

 

 

Es ist schwer zu verstehen, weshalb sich gerade diejenigen autokratisch auftretenden Populisten anschließen, die eigentlich ihre Opfer sind, da die Mehrzahl ihrer Idole zu den Profiteuren der Globalisierung zählt, wie Donald Trump oder im Falle Putins und Erdogans die Cliquen, deren Interessen sie vertreten.

 

Versucht man eine rationale Erklärung, wird sie scheitern, weil es eine vernünftige Erklärung nicht gibt. Politisches Handeln ist aber nicht nur rational, es unterliegt auch anderen Einflüssen. Ich möchte dazu eine Überlegung ausführen, die auf einem interessanten Paradox beruht: Auf dem Widerspruch zwischen Vernunft und Spiel.

 

Es ist ein interessantes Paradox, weil es ein doppeltes ist, ein Paradox auf zwei Ebenen, einem horizontalen, inhaltlichen und bewussten Widerspruch, und einem vertikalen, unbewussten. Dieses Paradox sorgt dafür, dass beides, Vernunft und Spiel, in verdeckter Form gleichzeitig wirksam ist. Es sei zunächst der inhaltliche Widerspruch einmal formuliert: Vernunft dient einem Zweck, Spiel dagegen ist nicht vernünftig und folgt keinem Zweck. Es sieht so aus, als könne man entweder vernünftig handeln oder spielen, aber nicht beides. Da käme Hegels Knecht hinzu, der sich ja für die Arbeit und damit für die Vernunft entschieden hat und den Herrn im Spiel zurück gelassen hat. Seitdem bilden die beiden zwei Figuren der Widersprüchlichkeit oder der Dialektik, die bei Hegel und später dann bei Marx mit einiger Umständlichkeit (ins Vernünftig-Ökonomische) aufgehoben werden muss.

 

Es ist aber vielleicht einfacher.

 

Es kommt nämlich eine zweite Ebene hinzu, die verdeckt ist und nicht gleich ins Bewusstsein dringt. Niemand würde Vernünftiges tun, also zum Beispiel arbeiten, wenn Arbeit nicht auch ein Spiel wäre. So ist man nicht nur leistungsbereit, weil das vernünftig wäre, sondern weil es einen Reiz besitzt. Und niemand würde spielen, wenn Spiel nicht auch Anteile von Arbeit, also solche der Produktion von Wert enthielte. Fußballfans versuchen ja ständig die Tatsache auszublenden, dass dieser Sport vor allem ein Riesengeschäft ist: Fussball muss zuerst ein Spiel bleiben.

 

Das Spannende ist, dass beide Formen miteinander interferieren, Vernunft und Spiel, und dass jeweils die eine bewusst und die andere unbewusst abläuft. Vernunft als Zweckdenken, dazu gehört auch das politische Handeln, gehört in der Moderne zu den Kinstituenten der Ökonomie, letztlich dient es der Produktion und der Verteilung von Gütern. Die alles, auch den Konsum, umfassende Produktion tendiert indessen dazu, alle Werte äquivalent zu machen (in Geld-Wert einzutauschen), und gestaltet als „vernünftiges“ Rational auch unsere bewusste Zeit, von der wir nie genug haben, weil sie linear zu laufen scheint und damit immer beschränkt ist, als ein „nicht mehr“ oder ein „noch nicht“.

 

Spiel aber ist ein symbolischer Modus, bei dem ständig differente (nicht äquivalente) Zeichen ausgetauscht werden, anscheinend ohne dass etwas dabei irgendetwas produziert wird. Es ist auch immer genug Zeit da für ein Spiel, weil die Zeit hier zirkulär verläuft und das Geschehen damit kein Ende hat: „Vor dem Spiel ist nach dem Spiel“.

 

 

 

Populisten oder Autokraten werden vor allem deshalb gewählt, weil sie es verstehen, als „Player“ aufzutreten. Sie versprechen denen, die zu ihnen halten (den Verlierern), einen Vorsprung im Spiel der Politik. Das wirkt auch dann, wenn sie lediglich Herausforderung sind oder bleiben, ohne dass wirklich fassbare Vorteile von ihrer Agenda zu verzeichnen wären (wie bei Donald Trump). Allein die Stärke wirkt, mit der die Herausforderung an die imaginierte Gegenpartei, zum Beispiel das „Establishment“ oder der Rest der Welt (wie bei Kim Jong-un), inszeniert wird. Viele Unterstützer Donald Trumps verfolgen seine täglichen Twitter-Posts mit Begeisterung, nicht weil sie etwa Sinn enthalten oder zielführend wären, sondern weil sie so unverschämt sind. Da postet jemand, der zur Welt redet, wie er will, und der sich von niemandem einschüchtern lässt.

 

Dass die Macht Trumps durch sein Geldvermögen bedingt ist und Teil der globalen Produktion ist, die seine Unterstützer arm und bedeutungslos gemacht hat, stört seine Anhängerschaft nicht, sie sind jetzt Gefolgschaft. So wenig, wie die Anhänger Erdogans sein provokantes Benehmen stört, wenn er den Westen provoziert und dabei den Islam für sich vereinnahmt, weil er auf diese Weise ein Ressentiment der Türken gegenüber dem Westen laut werden lässt, als gehe es hier um „Ehre“. In Russland stören sich viele nicht an den Lügen Putins, weil er glauben macht, er könne Russland mit Drohungen wieder groß und respektabel machen.

 

Player operieren mit einfachen Zeichensystemen, weil sie im verborgenen Modus des Spiels operieren und lediglich insoweit Vernünftiges propagieren, als ihre Symbolik irgendwie ins Rationale dekodiert werden soll. Zur Not sind Widersprüche dann „Fake News“, wie bei Trump, oder Propaganda bei Putin. Die Vereinfachung ist deshalb so erfolgreich, weil Symbolik beliebig zu Inhalten stilisiert werden kann. Das gelingt so lange, wie die Wirkung, der Reiz, stark genug ist.

 

Wenn man in einem „Winning Team“ mitspielt, ob als Akteur oder Fähnchen schwingender Claqueur, ist die starke Wirkung schon ihr eigener Zweck, nicht viel anders als in der Fankurve im Fußballstadion. Die Inhalte sind zweitrangig oder gleich egal. Ist man nicht vom Erfolg betrunken, wird „Loyalität“ gefordert, was nichts anderes bedeutet als Kritiklosigkeit und Unterwerfung. Da ähneln sich die oben genannten wie ein Ei dem anderen, die jüngsten Äußerungen von Donald Trump und Kim Jong-un sind austauschbar, sie spielen vor den Augen der Welt ein „Chicken-game“ wie pubertierende Jugendliche.

 

Typisch und verwirrend ist trotz der einfachen Botschaften die Vermischung der Ebenen, wie sie auch für den Faschismus kennzeichnend ist, wobei hier nicht gesagt werden soll, dass Populisten und Faschisten gleich agieren. Vielleicht hat sich der politische Faschismus aber in seinen Zeichensystemen inzwischen historisch überholt und wir leben jetzt in der Zeit der populistischen Autokraten.

 

Wem nützt der Bockstanz? Nicht denen, die den Garten bestellen.

 

Wichtig erscheint mir die Frage, wie die Interferenz der beiden Ebenen, der rationalen und der symbolischen, deutlicher gemacht werden kann, damit die Mischung zwischen verborgenem und propagiertem Modus klarer wird und ihre gefährliche Dynamik nicht weiter entfalten kann. Das ist zwar schwierig auf Grund ebendieser Dynamik, die zugunsten der Wirkung an Gründen und am Diskurs nicht interessiert ist, ist aber keineswegs unmöglich. Eine wesentliche Rolle spielt bei dieser Verdeutlichung immer die Öffentlichkeit, mithin die Presse, denn die Öffentlichkeit ist der Ort der Wirkung, wenn der Populismus nicht mehr wirkt, kann das nicht verdrängt werden.

 

Autokraten und ihre Akteure versuchen deshalb ständig, eine Gegenwirklichkeit herzustellen, die aber nicht den Regeln der Vernunft sondern den Spielregeln der Wirkung folgt. So macht es Trump, bzw. macht es seine Umgebung so mit ihm: Der Präsident muss in Siegerlaune gehalten werden, wie, ist egal. Wer ihn kritisiert, wird gefeuert.

 

Um die Anfangsmetapher aufzugreifen: Der Bock ist nun einmal kein guter Gärtner. Und die den Garten bestellen, haben einen längeren Atem als der Bockstanz, so wunderbar er auch anzuschauen sein mag.

 

Ein Spiel beendet man, wenn man seine Regeln ändert, das kann sehr schnell geschehen. Wer hätte gedacht, dass so viele Menschen auf das Zigarettenrauchen verzichten können? Vielleicht können wir auch bald auf den Verbrennungsmotor verzichten oder auf andere Dinge, die wir nicht brauchen. Wir könnten klarer sehen, was hinter dem steckt, was die Böcke blöken und auch das hat seinen Reiz, denn Erkenntnis suchen und sich behaupten lernen ist auch ein Spiel.

 

 

 

Meinrad Braun 14.8.2017