Das Teehaus



Jeden Dienstag in der Frühe besuchte Herr Tanizaki den Garten des Kaisers.

Die Ahornblätter waren noch nicht rot und die Tage waren hochsommerlich heiß. Es war besser, am Rend des Weges zu bleiben, im Schatten der Bäume. Schon drückte die Hitze auf die klobigen Mauern der alten Burg. Die wenigen Besucher, denen er an diesem Morgen begegnete, hatten ihre Schirme aufgespannt, um sich vor den Strahlen der Sonne zu schützen. Wie immer ging Herr Tanizaki zuerst zum großen Teich. Am Ufer blieb er stehen und beobachtete die Libellen. Wie blaue Striche flogen sie dicht über dem Wasser und schossen zwischen den Felsen hindurch, mit denen die Gärtner des Kaisers die Inseln Japans nachgebildet hatten. Ein kleines Nippon, bewachsen von sorgfältig gestutzten Kiefern, den Bäumen, die dem Adel vorbehalten waren, weil sie immer grün bleiben.

Herr Tanizaki wartete auf die Karpfen. Für sie hatte er eine Tüte mit Resten von Reiskuchen mitgebracht. Die Karpfen waren klug, sie erkannten Besucher, die kamen, um sie zu füttern. Auch diesmal dauerte es nicht lange, bis ihre Flossen aus dem trüben Wassers auftauchten und sich näherten. Die Reiskuchen machte Herr Tanizaki selbst, es waren Sushi aus gekochtem Reis, eingewickelt in Kakiblätter. Er aß kaum etwas anderes. Die Sushi hielten sich drei Tage, danach kamen sie in die Tüte.

Die Karpfen streckten ihre Köpfe aus dem Wasser, um zu sehen, wohin er die Reiskuchenreste werfen würde. Sie waren immer hungrig, aber sie waren nicht gierig, das gefiel Herrn Tanizaki. Wenn ein Karpfen sich ein Stück Reiskuchen ausgesucht hatte, wurde es ihm nicht weggeschnappt. Er hatte genug Zeit, es sich einzuverleiben, indem er sein Maul aufsperrte und das Stück hineinrutschen ließ. Heute war auch der Goldene dabei, der Herrn Tanizaki immer an die Legende erinnerte, nach der ein Karpfen, der es vermag, den gelben Fluß bis zu seinem Ursprung hinauf zu schwimmen, sich in einen Drachen verwandeln kann.

Die Karpfen schwammen ruhig und kraftvoll. Nie setzten sie mehr Energie ein, als sie brauchten, um einen majestätischen Bogen oder ein sicheres Gleiten zustande zu bringen. So müsste man leben, dachte Herr Tanizaki. Entscheidungen treffen, Ziele fassen und sie wieder aufgeben können, wenn es sein soll, gerade so. Ihm war das nicht gelungen. Nein, das konnte man nicht behaupten, beim besten Willen nicht.

Er blickte auf und nahm die Türme der Stadt wahr, die sich hinter dem kaiserlichen Garten erhoben, Türme aus Stahl und Glas. Dort wohnte niemand mehr, die Wohnhäuser waren längst abgerissen worden, der Boden viel zu teuer, um Wohnungen darauf zu bauen. Statt dessen diese Türme. Darin wurde gearbeitet, Tag und Nacht. Wenn die Angestellten von ihren Computern aufstanden und nach Hause gingen, wurden sie von anderen abgelöst, die in Aufzügen nach oben zu ihren Büros fuhren, während die vom Arbeiten Ermüdeten an ihnen vorbei in die Tiefe glitten, ohne dass sie einander sehen konnten.

Herr Tanizaki kannte nur die untersten Stockwerke solcher Bürohäuser. Dort gab es kleine Geschäfte, wo man billige Schuhe und Kleider kaufen konnte, gebrauchte Mobiltelefone und kleine Nichtigkeiten, und es gab dort Nudelrestaurants, in denen krawattentragende Angestellte aus den oberen Stockwerken nebeneinander auf Bänken saßen und in aller Eile ihre Sobe-Nudeln aßen. Am Abend verwandelte sich die Stadt, in der niemand wohnte, in ein Vergnügungsviertel. Man gab das Geld wieder aus, das man tagsüber verdient hatte.

Das hatte alles seinen Sinn und seine Richtigkeit. Herr Tanizaki hätte sich, selbst wenn er es gewollt hätte, nicht daran beteiligen können, denn er besaß kein Geld. Deshalb war er dem Kaiser dankbar dafür, dass er allen Leuten erlaubte, den Palast und die Gärten bei freiem Eintritt zu besuchen.

Die Reiskuchen waren alle. Die Karpfen hatten sie mit ihren runden Mündern weggeschnappt, an denen rechts und links so hübsch die Barten saßen, als trage jeder von ihnen einen altmodischen Schnurrbart. Zwei Libellen rasten an Herrn Tanizaki vorbei, schraubten sich in die Höhe und sausten dicht über dem Wasser davon. Deutlich konnte man das Surren ihrer aneinander schlagenden Flügel hören. Sie sind wie Samurai, dachte er. Sie fürchten nichts und geben sich ganz hin, im Zorn und in der Liebe, selbst wenn es sie das Leben kosten sollte. Ab und zu tauchte schoss eine heran und verharrte einen halben Meter vor seinem Gesicht flügelschlagend in der Luft, um ihn auf eine feindselige Art anzustarren. Entschuldigung, sagte Herr Tanziaki dann und deutete eine Verneigung an. Es tut mir leid, dass ich störe. Ich werde gleich wieder gehen, wenn ich meine Geschäfte hier erledigt habe.

Herr Tanizaki spürte die Sonne auf seinem Kopf.

Er hätte einen Hut gebraucht oder auch einen Schirm, aber beides stand ihm nicht zur Verfügung. Es bot sich an, einen der Haine mit Thujabäumen aufzusuchen, die den Gartenteich ringsum säumten. Als er den Hain erreicht hatte, war ihm bereits schwindelig. Er taumelte unter die Bäume in den Schatten hinein und setzte sich an den Fuß einer Fichte, dort kramte er seine Wasserflasche heraus. Gern hätte er wieder einmal Tee getrunken. Aber Tee gab es an U-Bahntoiletten nicht, dort bekam man bloß Wasser. Dagegen konnte man nichts einwenden. Während er trank, hörte er von fern die Schreie der Palastgarde, deren Übungsräume sich in der Nähe befanden. Sie übten sich im Kampfsport. Das ist gut, dachte Herr Tanizaki. Es ist gut, wenn eine Garde, die den Kaiser und seine Familie zu beschützen hat, kämpfen kann. Schließlich war der Kaiser so großzügig, jeden, der es wünschte, umsonst in seinen Garten hinein gehen zu lassen.

Herr Tanizaki spürte, wie sein Herz klopfte, hart und schnell. Es fühlte sich nicht gut an und bei dieser Hitze war es damit noch schlimmer. In solchen Fällen war es klug, sitzen zu bleiben und zu warten, bis das schnelle Klopfen aufhörte. Herr Tanizaki beschloss, seine Schuhe auszuziehen, das half, sich leichter zu fühlen. Dabei bemerkte er eine Bewegung am Boden neben seinem rechten Bein. Er beugte sich vor und sah ein schwarzes Insekt. Es besaß einen dicken, aufgetriebenen Hinterleib, einen kleinen Kopf mit Fühlern und lange Beine wie eine Schabe. Das Insekt glänzte, als habe man es mit schwarzem Urushilack bestrichen, und es verharrte lauernd neben seinem rechtem Bein, dabei ließ es seine Fühler spielen. Herr Tanizaki, dessen Herz noch immer schnell klopfte, spürte eine Anwandlung von Ärger. Er hatte die tiefen Löcher in den Thujabäumen gesehen, und vermutete in dem Tier, das am Boden hockte, den Verursacher. Das Tier bewegte seine Fühler. Es krabbelte mit ruckartigen Bewegungen ein Stück voran und machte sich dann wieder flach, um reglos zu verharren. In dem dicken Hinterleib befanden sich vermutlich eine Menge Eier, aus denen weitere solche Tiere schlüpfen und den schönen Thujabäumen den Garaus machen würden. Herr Tanizaki empfand mit einem Mal die abgründige Bosheit dieses Wesens, maskiert durch den glänzenden Panzer, die blicklosen Augen und die spielenden Fühler, die flinken Beine. Die Bosheit einer zerstörerischen Kreatur, die nichts schuf, nichts konnte, außer zu fressen und sich zu vermehren.

Als habe das Insekt Herrn Tanizakis Abscheu wahrgenommen, krabbelte es los, um sich davon zu machen, aber Herr Tanizaki war schneller. Ohne nachzudenken, stellte er seine halb leer getrunkene Wasserflasche darauf. Er konnte zunächst nicht glauben, dass er schnell genug gewesen war, das flinke Tier zu überlisten. Aber als er die Wasserflasche anhob, zappelte das Insekt halb zerquetscht am Boden. Es schleppte sich mühsam weiter, aus seinem Hinterleib quoll etwas heraus. An der Flasche klebte gelbes Sekret. Herr Tanizaki wollte das Insekt fort schnippen. Da drehte es sich plötzlich um und biss ihn in den Finger. Er sprang auf. Das Tier fiel zu Boden und Herr Tanizaki schlug mit der Flasche darauf. Sein Herz schlug schnell und hart.

Im Unterholz des Haines summten die Bienen. Von weit her hörte man jemanden lachen. Etwas dröhnte um ihn, als werde ein großer Gong angeschlagen und einen Moment lang wurde ihm schwarz vor Augen. Ich muss mich hinlegen, dachte er. Aber es ging vorüber und ihm war auf einmal seltsam leicht.

Herr Tanizaki schämte sich. Er hatte eine Kreatur vernichtet, ein Leben sinnlos ausgelöscht. Er zwang sich dazu, den Rest Wasser auszutrinken, der sich noch in der Flasche befand, dann kauerte er sich hin und wischte die Flasche am Gras ab. Er würde sie in den Behälter bei den Getränkeautomaten am Ausgang werfen, dort fand sich bestimmt wieder eine andere, die noch brauchbar war. Als er sich erhob, fühlte er sich noch immer seltsam leicht.

Anscheinend war der Anfall vorhin doch nicht so schlimm gewesen. An seinem rechten Zeigefinger bemerkte er eine kleine Wunde, aus der ein Tropfen Blut quoll. Er schüttelte den Kopf und schlenkerte den Blutstropfen von seinem Finger.

Beim Verlassen des Parks achtete er darauf, im Schatten zu bleiben. Am Ausgang steuerte er zum Getränkeautomaten und suchte sich aus dem Behälter für leere Flaschen eine aus, die ihren Deckel noch besaß. Er nahm eine mit kleinen Pandabären darauf, in der Orangen-Eistee gewesen war und warf er seine alte in den Plastikeimer. Wie schmeckt wohl Orangen-Eistee, dachte er und schnupperte an der geöffneten Flasche. Nicht besonders gut, entschied er und steckte die Flasche in seine Plastiktüte. Dann gab er seine Besuchermarke ab und grüßte höflich den Bediensteten, der ihm zunickte und die Karte einsteckte.

Auch der Weg zu seiner Behausung fiel ihm heute morgen leichter als sonst. Ehe er zum Yoyogi-Park abbog, wollte er noch in den U-Bahnschacht der Linie 8 hinunter, um sich in der Toilette mit frischem Wasser zu versorgen. Zu dieser Station ging er immer nach dem Besuch des Gartens, dort lagen die Toiletten außerhalb der Absperrung. Auch der Abstieg über die drei Stockwerke tiefen Treppen fiel Herrn Tanizaki heute nicht schwer, er wunderte sich darüber. Gerade als er die Toilette hinein gehen wollte, sah er das Mädchen. Sie stand ein paar Schritte entfernt und winkte ihm zu.

Herr Tanizaki kniff die Augen zusammen. Sie war jung, vielleicht siebzehn oder achtzehn Jahre alt, hatte einen sehr kurzen Rock an und ein schlampig aussehendes T-Shirt, das lose an ihrem schmalen Oberkörper hing. Dazu trug sie schwere Fallschirmspringerstiefel. Ihr Gesicht war ganz weiß geschminkt und die Augenbrauen schien sie mit schwarzer Tusche darauf gemalt zu haben. Sie sah aus wie auf einem der alten Holzschnitte aus der Edo-Zeit, aber nur, was das Gesicht anging. Wirklich nur in dieser Beziehung. Sonst glich sie ganz den Jugendlichen, die bei den U-Bahnhöfen herum lungerten.

Das Mädchen winkte noch einmal und machte dabei eine ungeduldige Kopfbewegung, die wirkte wie eine Einladung, ihr zu folgen. Das heißt, wenn man zu einer Räuberbande gehören mochte, wo solche Gesten vielleicht üblich waren. Herr Tanizaki, der sich, seitdem er den kaiserlichen Garten verlassen hatte, erstaunlich gut fühlte, bemerkte, dass auch seine Zurückhaltung Menschen gegenüber heute geringer war. Er machte ein paar Schritte auf das Mädchen zu und wollte etwas sagen, aber sie kam ihm zuvor.

„Herr Tanizaki?“ sagte sie in einem Ton, der ihm irgendwie amtlich erschien.

„Ja,“ sagte er. „Das bin ich.“

„Ich habe Sie schon erwartet,“ sagte das Mädchen. „Kommen Sie.“

Herr Tanizaki wollte zu ihr sagen, dass er noch kein Wasser in seine Flasche hatte füllen können, das war schließlich der Grund dafür, dass er hier herunter gekommen war. Aber das Mädchen wandte sich ab und schritt davon.

Obwohl er sich gut fühlte, hatte er Mühe, mitzuhalten. Er musste über sich selbst den Kopf schütteln. Es passte nicht zu ihm, was er hier tat. Das Mädchen passierte mit raschem Schritt die Schranke der Linie 4, die an dieser Station kreuzte, und ein paar Passagiere drängten sich dazwischen, aber Herr Tanizaki blieb hinter ihr. Einmal sah sie sich nach ihm um, und ihr weiß geschminktes Gesicht leuchtete grell im Licht der Neonlampen. Niemand beachtete sie, wie das so ist in den U-Bahnen. Das Mädchen stapfte weiter auf seinen schweren Militärstiefeln durch den langen Flur, der ganz in weißen Kacheln gehalten war und der aussah, als werde er niemals enden, und Herr Tanizaki folgte ihr. Er fragte sich, wohin sie eigentlich geraten waren, denn es kam keine Abzweigung und keine Schranke mehr, nur den langen Flur. Und niemand war mehr zu sehen. Wahrscheinlich hatten sich die Leute alle irgendwohin zum Essen begeben.

Ohne Zweifel verfolgte das Mädchen einen Plan. Womöglich eine Falle. Aber Herr Tanizaki fürchtete sich nicht vor ihr und auch darüber wunderte er sich, denn er war kein mutiger Mann. Eine Verwechslung, dachte er, während er auf die Tritte der schweren Stiefel hörte. Nein, keine Verwechslung, sie hatte doch seinen Namen gewusst. Vielleicht eine Sozialarbeiterin, der man die Aufgabe übertragen hatte, mit Obdachlosen zu arbeiten und sein Name war noch irgendwo registriert. Ihre merkwürdige Aufmachung – nun, das musste man akzeptieren. Junge Leute hatten ihren eigenen Stil. Nur, wie hatte sie ihn vorhin bei den U-Bahntoiletten überhaupt finden können?

Das Mädchen unterbrach Herrn Tanizakis Überlegungen, indem es stehen blieb und die gekachelte Wand absuchte, als wäre dort etwas. Herr Tanizaki trat unwillkürlich einen Schritt näher.

„Zeigen Sie,“ sagte sie.

In ihrem weißen Gesicht erschien ein Lächeln. Irritiert bemerkte Herr Tanizaki, dass ihre Zähne schwarz gefärbt waren.

„Was soll ich zeigen?“

Das Mädchen tat einen tiefen Atemzug und verdrehte theatralisch die Augen.

„Na, Ihren Finger natürlich!“

Ohne Umstände ergriff sie seine Hand und packte seinen Zeigefinger.

Herr Tanizaki erschrak. Seine oberen Fingerglieder waren schwarz geworden. Die Schwärze begann dort, wo das Insekt ihn gebissen hat und sie hatte sich bis zur Wurzel seines Zeigefingers ausgebreitet.

Das Mädchen, das noch immer seine Hand hielt, zog ihn zur Wand und steckte Herrn Tanizakis Finger in ein Loch zwischen zwei Fliesen. Er war so perplex, dass er sich nicht wehrte. Die Mauer war rissig und schadhaft, es gab viele solcher Löcher.

Sie ließ ihn los und Herr Tanizaki zog einen Finger aus dem Loch heraus. Das Mädchen lehnte sie sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen die Wand, die sich daraufhin öffnete und etwas wie eine Bunkertür ging auf. Als der Spalt breit genug war, ging sie hinein. Mit einer knappen Kopfbewegung, der gleichen wie vorhin vor den Toiletten, forderte sie Herrn Tanizaki dazu auf, ihr zu folgen.

Sie betraten einen Schacht, in dem eine Wendeltreppe in die Tiefe führte. Das Mädchen wieder mit klappernden Stiefeln voran und Herr Tanizaki hinterher, ihm blieb ja nichts anderes übrig. Sie erschien ihm inzwischen mehr denn je wie eine Amtsperson, vielleicht wegen ihres herrischen Gehabes. Dass man sich für ihn verantwortlich fühlte - mit den Jahren hatte er sich an die Schande gewöhnt. Die Beschämung hielt sich in Grenzen, weil nicht viel dabei herauskam, außer dass man sein Zelt im Yoyogipark duldete und er sich bei der Tafel abgelaufene Lebensmittel holen durfte. Ab und zu erbat er sich in einem Geschäft eine neue Gaspatrone für seinen Kocher oder ein Feuerzeug. Wie gesagt, die Beschämung hielt sich in Grenzen, was schließlich auch eine Erleichterung darstellte.

Die Treppe endete in einem siloförmigen Raum vor einer Tür. Das Mädchen öffnete sie und als Herr Tanizaki ihr folgte, gelangten sie zu seiner Überraschung direkt in ein Museum. Es war Nacht. Man sah ein Stück Straße, beleuchtet von Papierlaternen, in denen kleine Petroleumlampen brannten. Sie warfen ein mildes Licht auf die Fassaden altmodischer Holzhäuser mit herunterhängenden Rollos aus Bambusstreifen auf denen schwarze Schriftzeichen aufgemalt waren. Das Mädchen schien sich hier auszukennen. Sie strebte durch die Gasse und Herr Tanizaki musste wieder mit ihr Schritt halten, obwohl er gern einmal stehen geblieben wäre um sich die alten Häuser anzusehen. Er überlegte, dass sie wahrscheinlich ein Praktikum hier machte, und vielleicht gab es eine Arbeitsmaßnahme, bei der er ihr zugeteilt worden war, um ihr zu helfen. Das wäre ihm nicht unrecht gewesen. Er mochte Museen und er liebte solche alten Häuser, von denen es allerdings in der Stadt nicht mehr viele gab, schon gar nicht in der Gegend, in der er lebte.

Das Mädchen blieb stehen. Sie befanden sich vor der Fassade eines vornehmen Hauses, wie es in der Edo-Zeit einmal ausgesehen haben mochte. Der Giebel ruhte auf zwei dicken Pfeilern und einem mächtigen Querbalken. Im Schein der Laternen, die daran befestigt waren, sah man schmale hölzerne Sprossenfenster, die mit weißem Papier bespannt waren. Das Mädchen kauerte sich nieder und löste die Schnüre an ihren Fallschirmspringerstiefeln. Sie warf Herrn Tanizaki einen Blick zu und er zog ebenfalls seine Schuhe aus. Er stellte sie neben die Stiefel des Mädchens auf die hölzerne Plattform vor dem Eingang.

„Warten Sie hier“, sagte sie.

Die roten und weißen Papierlaternen verbreiteten in der engen Gasse ein hübsches, gedämpftes Licht. Herr Tanizaki stand in Strümpfen da und wartete darauf, dass das Mädchen wieder erschien. Er hätte gern mehr gewusst über vergangene Zeiten, aber seine Schulzeit lag lange zurück und in seinem Leben hatte es wenig Gelegenheit gegeben, sich um solche Dinge zu kümmern, und dann, als alles zugrunde gegangen war, auch kein Geld mehr für Altertümer oder Museen.

Als die Tür sich wieder öffnete, staunte er.

Das Mädchen stand vor ihm, ihr Gesicht noch immer weiß geschminkt, aber nun trug sie einen kostbar aussehenden seidenen Kimono mit einem schönen Chrysanthemenmuster und einem gestickten Täschchen, das vorn in ihrem Obi-Gürtel steckte.

„Herr Tanizaki.“

Sie verbeugte sich förmlich. Herr Tanizaki verbeugte sich ebenfalls. Sie lächelte ihn an und ihr Gesicht erschien ihm, obwohl es ganz weiß geschminkt war, auf einmal sehr schön, wenn das Licht der roten Laternen seltsame Schatten darüber wandern ließ, und es störte gar nicht mehr, dass ihre Zähne geschwärzt waren, weil auf diese Weise nur das Weiß, die dunkle Tiefe ihrer Augen und der ganz rote Mund übrig blieben. Dies alles schien ihm etwas mitteilen zu wollen, was er nicht verstand.

„Darf ich Sie bitten, einzutreten, Herr Tanizaki?“

Herr Tanizaki betrat einen hohen und weiten Raum, in dem es kühl war. In der Dunkelheit brannten nur ein paar Öllampen und auf dem Boden lagen Tatamimatten. Der Raum schien vollkommen leer, wenn man von der Schwärze absieht, die von den hintereinander stehenden Lämpchen in die Mitte des Raumes gedrängt wurde und dort eine solche Dichte annahm, dass man den Eindruck bekam, als wäre da etwas noch dichteres als die Dunkelheit, etwas Stoffliches wie eine Wolke aus ganz feinem Kohlenstaub. Man hätte sogar glauben können, dass die Schwärze aus winzigen Teilchen bestehe, die ein leichtes Glimmen zustande brachten, wo sie das flackernde Lampenlicht reflektierten.

Das Mädchen raffte die Falten ihres Kimonos zusammen und ging vor ihm durch diese Schwärze hindurch, von der der Raum beherrscht wurde. Vor den Wänden sah man im Halbschatten Wandschirme, in düsteren Goldtönen gehalten, auf denen traditionelle Szenen dargestellt waren: Ein Tiger im Bambusdickicht, kämpfende Samurai, deren Rüstungen von Pfeilen gespickt waren, und ein Winddrache in roten Wolkenwirbeln. Irgendwo hatte Herr Tanizaki solche Bilder schon einmal gesehen, aber es fiel ihm nicht ein, wo das gewesen war. Sie gelangten in einen anschließenden Flur, an dessen Ende brannten zwei Kerzen vor einer papierbespannten Shojin-Tür. Das Mädchen im Kimono hockte sich an der Tür nieder und wandte sich zu Herrn Tanizaki um. Dann öffnete sie die Tür.

Die Tür führte hinaus in einen Garten.

Man konnte das ruhige und scharfe Zirpen von Grillen hören. Rund stand der Mond über dunklen Kiefern. Herr Tanizaki betrat den Garten auf Trittsteinen, die sich feucht anfühlten, als wäre wirklich Nacht. Er ging an einer vom Mondlicht übergossenen Steinlaterne vorbei und er überlegte, wie man das mit den Zikaden und dem Mond in einem Museum wohl technisch hinbekam, aber das waren Dinge, die heutzutage kein Problem mehr darstellten. Er wunderte sich auch nicht darüber, dass ein Frosch vor ihm über den Weg hüpfte, er ertappte sich dabei, dass er lächeln musste. Der Frosch passte so gut zu einem nächtlichen Garten, in dem die Wesen, die etwas wollten, ebenso ihren Platz benötigten wie die Steine und die Pflanzen, die nichts wollten.

Das Mädchen begleitete ihn zu einem kleinen Holzhaus, das mitten im Garten stand, und Herr Tanizaki erkannte, dass es sich um ein Teehaus handelte. Es sah genau so aus, wie dasjenige, das er einmal in einem seiner Schulbücher gesehen hatte. Er wusste noch, dass man ein Teehaus durch eine kleine Tür betritt, durch die hindurch man sich bücken muss, und er wusste auch, dass man die Schiebetür daran zuerst mit der einen Hand ein kleines Stück aufschiebt und sie dann mit der anderen Hand vollends öffnet. Wurde sie von innen wieder verschlossen, mit einem leisen Klacken, wusste der Gastgeber, dass sein Gast eingetroffen war.

Das Mädchen verneigte sich vor ihm. Als sie sich wieder aufrichtete, trug sie eine Fuchsmaske. Herrn Tanizaki Hände begannen zu zittern. Aber er schob die Tür in der vorgeschriebenen Weise auf. Dann kroch er in das Teehaus. Im Innern brannte nur eine einzelne Öllampe. Ihr Flackern ließ Schatten über die Wände gleiten. Auf einem Kohleherd stand ein gußeiserner Wasserkessel, eine Bambuskelle lag darauf. Am Boden auf einem Tablett eine irdene Teetasse und eine Teedose aus rotem Lack.

Herr Tanizaki setzte sich auf die Tatami Matte. Er ließ seinen Blick durch den kleinen Raum gehen und sah die Tokonoma-Nische, in der eine Bildrolle hing, auf der ein Daruma dargestellt war. Mit rollenden Augen und herausgestreckter Zunge spottete er aller Eitelkeit. Die Schriftzeichen der Kalligraphie konnte Herr Tanizaki nicht lesen, es waren Kanji, mit denen man vor langer Zeit geschrieben hatte. Unter dem Rollbild stand eine Vase mit einem Wacholderzweig, an dem wie vergessene Tränen ein paar Tautropfen hingen, in denen sich das Licht der Lampe fing.

Der Kessel auf dem Holzkohlenfeuer summte und die Geräusche der Nacht drangen gedämpft herein. Die Schatten im Raum schienen sich nach einem seltsamen Rhythmus zu bewegen. Schweigen und Dunkelheit beherrschten das Teehaus und Herr Tanizaki begriff.

Die Libellen fielen ihm jetzt ein, ihr Mut. Die Karpfen und ihre Stärke. Er war dankbar dafür, dass man ihm Zeit gelassen hatte, und er griff hinter sich, um die kleine Schiebetür zu schließen. Holz schlug an Holz.


1.12.13


Für meine Tochter, Weggefährtin in Japan im September 2013