Dame mit Hut


Auch an diesem Tag betrat Kapern Schmidts vegetarisches Restaurant, wie er es jeden Tag um zwölf Uhr dreißig zu tun pflegte. Ohne Eile ging er durch das Entrée zum Buffet, vorbei am Suppentopf: Suppe des Tages arabische Festtagssuppe mit Linsen und Kumin. Mit einer elastischen Wendung wich Kapern dem Greis aus, der auf ihn zuwankte, das Tablett voll beladen, lächelte dem Alten aufmunternd zu. Nahm ein eigenes Tablett vom Stapel vor dem Buffet und reihte sich in die Schlange derjenigen ein, die sich vom Salatbuffet nahmen. Sein nächstes Lächeln schenkte Kapern der dünnen Fünfundzwanzigjährigen neben ihm, in deren traurig wirkenden blauen Augen er die Ziellosigkeit der Jugend zu erkennen meinte, verbunden mit der Suche nach Halt, die ja dazu gehört. Sicherheitshalber wartete Kapern nicht ab, ob sein Lächeln erwidert wurde, von Jüngeren wurde man leicht missverstanden, statt dessen machte er sich daran, aus den bereitstehenden Schüsseln seinen Salat vollends zusammenzustellen. Während er sich Sprossen und Gemüse (aus der Region) auf den Teller tat, bemerkte Kapern aus den Augenwinkeln, dass drüben am Suppentopf noch niemand Halt gemacht hatte, und überlegte, ob er sich bei dem dunkelhäutigen Mann mit der Kochmütze nachher noch eine kleine Schale Suppe holen sollte. Einer Regung folgend, die ihn bei Schmidts oft ankam, eine Art integraler Großmut gegen jedermann. Für das Aufkommen dieser Regung reichte es schon aus, etwas Gesundes zu sich zu nehmen, was unbestreitbar sinnvoll und damit auch vereinend war. Kapern meinte, auch an anderen Gästen bei Schmidts diese Bewegung ausmachen zu können. Das Lächeln, das er stets bereit hielt, wurde jedenfalls von vielen erwidert.

Den gefüllten Salatteller auf dem Tablett ging Kapern hinüber zur Theke, wo man die warmen Speisen erhielt. Dabei ergab sich noch zwei Mal die Gelegenheit zu lächeln, auch weil dort das Gedränge am dichtesten war und man entscheiden musste, wer wie an wem vorbei kam.

Kapern entschied sich angesichts der lecker aussehenden Buchweizenpfannkuchen, gefüllt mit provenzalischem Tomatenfrikassee, nun doch gegen die Suppe, nickte aber dem Dunkelhäutigen, der untätig mit seiner Kelle da stand, aufmunternd zu, der Mann erwiderte das Lächeln im Übrigen nicht, starrte nur verständnislos zurück. An der Essensausgabe eine alte Dame, viel Goldschmuck an sich, rückte nicht zur Seite, um Kapern Platz zu machen. Sie war ganz damit beschäftigt, sich einen Pfannkuchen vom Blech zu angeln. „Darf ich?“, sagte Kapern, um zu helfen, aber da hatte bereits eine Angestellte von Schmidts zugegriffen und den Pfannkuchen auf den vorgestreckten Teller der Dame gelegt, die dabei Kapern mit dem linken Ellbogen rüde auf Distanz brachte - sie hatte offensichtlich seine Einlasssung als Drängelei empfunden. Nun begann sie vor sich hin zu nicken, ohne weiteren Kontakt aufzunehmen, während sie den gefüllten Teller mit grobschlägigen Schüttelbewegungen auf ihrem Tablett platzierte. Sie nickte noch immer, als Kapern sich schon zum Dessertstand wandte, als wäre ein Mechanismus in ihr angestoßen, der sich vollends zu Ende nicken musste.

Vom Nachtisch nahm Kapern immer. Da musste es Bircher Muesli mit Früchten und Eierlikör sein und so hielt er es auch diesmal. An der Kasse wurde Kaperns Mahlzeit abgewogen. Hier gab es unter dem abwesenden Blick der jungen Kassiererin einen kleinen Stau und Kapern beeilte sich beim Austausch seiner drei Teller auf der Waage, denn der alte Herr hinter ihm - karierte Schiebermütze, Umhängebrille - hatte sein Tablett bereits mit einem harten Klacken gegen Kaperns stoßen lassen, um anzudeuten, dass er sich sputen solle. Die Stadt, die Gesellschaft überhaupt, schien sich immer mehr in ein Altersheim zu verwandeln. Kapern musste sich gegen die Vorstellung wehren, dass auch er inzwischen - rein rechnerisch - zu den Insassen dieser Anstalt gehörte, in der Massen von Hinfälligen von genervten Jüngeren versorgt wurden, damit sie immer noch älter werden konnten. Drinnen im Lokal gab es keinen freien Platz.

Kapern trug sein Tablett durch die gläsernen Verandatüren in den Außenbereich. Dabei kam ihm eine Sentenz über den Tod in den Sinn, die er irgendwo gelesen hatte. Halt, nein: Es war ein Satz über das Leben gewesen! „Das Leben ist ein Fest, der Gastgeber ist der Tod“.

Nur an einem der Vierertische im Freien gab es noch freie Plätze. Dort saß eine elegant gekleidete Dame, eigentümlicherweise mit Hut. Kapern steuerte auf den Tisch zu, bemerkte, dass sie anscheinend nichts verzehrte, vor ihr stand nichts, kein Tablett, kein Glas. Die Dame hatte sich gerade umgewandt, als suche sie jemanden, als er an sie heran trat.

„Darf ich...?“

Kapern wartete die Antwort nicht ab. Bei Schmidts war es üblich, dass man überall Platz nehmen konnte, wo frei war, es sei denn auf den Stühlen lagen Gegenstände oder Kleidungsstücke, die anzeigten, dass ihre Besitzer gerade unterwegs waren, um sich noch etwas zu holen. Eine Unsitte, fand Kapern, der aber nie das Herz gehabt hätte, die Sachen einfach weg zu nehmen und sich hinzusetzen. Die Dame wandte sich ihm zu.

Ihre Blicke streiften ineinander, als habe sie erwartet, dass er sie ansehen würde. Ein aufgeworfener, üppiger Schmollmund, der auf reizende Art von einem kleinen Leberfleck daneben akzentuiert wurde. Kapern senkte seinen Blick auf den Teller, obgleich die Dame ihn weiterhin ansah. Er hatte noch bemerkt, sie trug nicht nur einen Hut, sonderen daran befand sich - vielleicht fiel Kapern deswegen nur „Dame“ zu ihr ein und nicht das übliche „Frau“, noch ein kleiner Schleier, der ihre Augen verschattete. Graue Augen mit langen Wimpern, wie Kapern bei einem zweiten Blick feststellen konnte. Jünger, als er dachte, viel jünger. Das altmodische Kostüm mit Halstuch ganz und gar im Stil der vierziger Jahre gehalten. Etwas ganz Apartes hatte das. Kapern, der sich nicht traute, ein drittes Mal Blickkontakt aufzunehmen, kam sich vor, als sei er unversehens in einen Kostümfilm geraten.

Aber während er den Rest des Pfannkuchens mit seiner Gabel zerteilte, keimte in Kapern eine seltsame Regung, das hübsche Gesicht der Dame noch vor Augen mit den grauen Augen unter dem Schleier, eine Regung von der Art, wie Gewissheiten sie bereits an sich haben, wenn sie erst am Entstehen sind. Gewissheiten brauchen ihre Zeit, um zu wachsen. Und so erging es auch Kapern, während er sich den nächsten Bissen Pfannkuchen mit gesenktem Gesicht in den Mund schob.

Er kannte die Dame mit dem Hut, er war sich dessen gewiss.

Nun wäre daran nichts seltsam, man kennt diesen und jenen und Kapern kannte durchaus Damen - oder jetzt eher wieder: Frauen. Auch solche, die hübsch waren. Aber die Gewissheit, die ihn jetzt erfüllte, enthielt nicht bloß die Erkenntnis, dass er die Dame mit dem Hut zu kennen glaubte, sondern zur gleichen Zeit noch eine andere, und eben die war es, die ihn davon abhielt, ihr noch einmal in die Augen zu schauen, von denen er im Übrigen ganz gewiss wusste, dass sie grau waren.

Kapern war, das muss an dieser Stelle gesagt werden, ein spät geborenes Kind.

Seine Eltern hatten wohl nicht mehr mit seiner Ankunft gerechnet und dem entsprechend entwickelte er wenig Interesse an Verwandtschaft. Es lebte wohl hier und da jemand aus der Familie, in der Nähe oder Ferne, aber man hielt nur losen Kontakt, und als Kapern groß wurde, waren solche Kontakte bereits in Auflösung begriffen. Der Nachgeborene war ein, zwei Mal zu Geburtstagen und zu Begräbnissen eingeladen worden, als er die Einladungen höflich ablehnte, nicht mehr. Kapern fand, er gehöre nicht dazu. Seine Zeit hatte erst begonnen, als die der anderen schon vorbei war.

Mehr spürte er, als er sehen konnte, dass die Dame mit dem Hut ihm gegenüber ungeduldig wurde. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her und schlug die Beine übereinander. Dazu meinte Kapern, ein leises Räuspern vernommen zu haben, als sollte er dazu veranlasst werden, aufzublicken. In die schon erwähnten grauen Augen hinter dem Schleier. Kapern durchfuhr ein Schrecken, Teil der inzwischen noch weiter in Richtung Gewissheit gewachsenen Irritation: Womöglich kannte sie auch ihn! Wenn das zutraf, wenn sie wusste, dass er hier war, womöglich auf ihn gewartet hatte, dann bedeutete das womöglich - Kapern heftete seine Augen auf den Teller. Er spürte, dass ihm der Schweiß ausgebrochen war.

Wieder machte die Dame eine ungeduldige Geste, die Kapern zusammenzucken ließ, denn die Gewissheit, bei der er angelangt, brachte ihn zu dem Entschluss, dass er um keinen Preis, was immer auch geschehen sollte, die Dame mit dem Hut ansehen durfte. Der Schweiß rann ihm über den Rücken herunter, der Nachtisch blieb unberührt, das blinkende Löffelchen lag daneben und Kapern starrte es unverwandt an.

Da stand die Dame auf.

Mit einem unwirschen, resoluten Schwung, als habe sie es satt, noch länger zu warten, und Kapern starrte weiter auf seinen Teller, eine quälende Sekunde lang, in der sie vor ihm stehen blieb und er sein Herz hart klopfen spürte. Dann wandte sie sich ab.

Erst da wagte Kapern, den Blick zu heben.

Sah sie in ihrem eleganten gelben Kostüm zwischen den Tischen davon gehen, die Tür zum Terrasseneingang erreichen, sie schritt hindurch und verschwand in der Einkaufspassage, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Es waren die Farben. Weshalb er sie nicht gleich erkannt hatte. Denn die alten Fotos waren alle Schwarzweiß. Auch das von der hübschen Dame mit Hut und Schleier und dem Kostüm, das, wie Kapern nun wusste, gelb gewesen war. Nur die hellen Augen, dieselben wie seine Mutter sie besessen hatte, die waren schon auf dem Foto zu erkennen gewesen.

Unsere Klara, 1942, hatte jemand unter das Foto geschrieben, mit weißer Tinte auf schwarzen Karton.


Meinrad Braun 2015


Dame mit Hut